In­no­va­ti­ons­po­li­tik

Der Staat muss ein kon­kre­tes Bild da­von ha­ben, wie das ei­ge­ne In­no­va­ti­ons­sys­tem funk­tio­niert und ins­be­son­de­re wis­sen:

  • wie die Dif­fu­si­ons­ge­schwin­dig­keit im Ver­gleich zu wich­ti­gen Wett­be­wer­bern ist und was sie be­ein­flusst
  • in wel­chen Pha­sen auf na­tio­na­ler Ebe­ne die Wert­schöp­fung hoch ist und wo im in­ter­na­tio­na­len Ver­gleich Po­ten­zia­le brach­lie­gen
  • wel­che staat­li­chen He­bel in wel­chen Sek­to­ren wie ef­fek­tiv sind (wert­hal­ti­ge In­no­va­tio­nen aus­lö­sen / an­rei­zen)
  • wie der ak­tu­el­le Stand der Im­ple­men­tie­rung bei Schlüs­sel­tech­no­lo­gi­en in den hei­mi­schen Un­ter­neh­men ist

um auf die­ser Ba­sis ei­ne stra­te­gi­sche Ziel­vor­stel­lung zu ent­wi­ckeln und kon­se­quent um­zu­set­zen.

Rol­le des Staats im In­no­va­ti­ons­sys­tem

Der Staat tritt im In­no­va­ti­ons­sys­tem als Fi­nan­zie­rer, Re­gu­lie­rer und als Be­trei­ber von In­fra­struk­tur auf. Sein Ein­fluss auf der Nach­fra­ge- wie der An­ge­bots­sei­te ist groß. Um­so wich­ti­ger ist es, dass er ihn be­wusst und ziel­ge­rich­tet im Sin­ne des Stand­orts aus­übt

 

 

Die na­tio­na­le In­no­va­ti­ons­po­li­tik fo­kus­siert bis­her stark auf die An­ge­bots­sei­te, wäh­rend die Nach­fra­ge­sei­te (z. B. staat­li­ches Be­schaf­fungs­we­sen, aber auch Aus­wir­kun­gen po­li­ti­scher Grund­satz­ent­schei­dun­gen bei­spiels­wei­se in der En­er­gie­po­li­tik) kaum be­ach­tet, je­den­falls aber nicht stra­te­gisch ge­stal­tet wird.

 

Die deut­sche In­no­va­ti­ons­po­li­tik kann grob in vier Pha­sen un­ter­teilt wer­den:

 

Pha­se 1

Aus­bau der Grund­la­gen­for­schung, mit über­wie­gend mis­si­ons­ori­en­tier­ten Pro­gram­men

 

Pha­se 2

di­rek­te För­de­rung der in­dus­tri­el­len F+E, Aus­rich­tung auf Schlüs­sel­tech­no­lo­gi­en

 

Pha­se 3

Dif­fu­si­ons­ori­en­tier­te Pro­gram­me, Stär­kung der Ver­bund­for­schung und Netz­wer­ke; brei­te­re Ver­tei­lung der Ver­ant­wor­tun­gen auf die Res­sorts und Aus­bau der Ak­ti­vi­tä­ten von Bun­des­län­dern und EU; Be­ein­flus­sung von Rah­men­be­din­gun­gen

 

Pha­se 4

Bün­de­lung von Pro­gram­men, För­der­maß­nah­men und In­itia­ti­ven, an glo­ba­len Her­aus­for­de­run­gen und Me­ta­zie­len (z. B. Ak­zep­tanz) ori­en­tier­te Mis­sio­nen; Dia­log­me­cha­nis­men und Be­ra­tungs­gre­mi­en

 

 

Das In­no­va­ti­ons­sys­tem als sol­ches wan­delt sich eben­falls:

 

Das, was seit ei­ni­gen Jah­ren in der In­dus­trie un­ter dem Schlag­wort „hy­bri­de Wert­schöp­fung“ statt­fin­det, näm­lich ei­ne Ver­län­ge­rung des klas­si­schen Her­stel­lungs­pro­zes­ses durch kun­den­zen­trier­te Dienst­leis­tun­gen, der Wan­del vom Pro­dukt- zum Lö­sungs­an­bie­ter, wird zu­neh­mend zum Stan­dard.

In­kre­men­tel­le Ver­än­de­run­gen wer­den durch leis­tungs­fä­hi­ge KI-Al­go­rith­men vor­an­ge­trie­ben, die auch po­li­ti­sche und ge­sell­schaft­li­che An­for­de­run­gen bzw. Rah­men­be­din­gun­gen be­rück­sich­ti­gen, wäh­rend sich der Mensch auf die grund­le­gen­den, dis­rup­ti­ven Neue­run­gen und Er­fin­dun­gen kon­zen­triert. Auch da­bei wird er durch deut­lich bes­se­re Vor­her­sa­gen be­zie­hungs­wei­se Si­mu­la­tio­nen in frü­hen Ent­wick­lungs­sta­di­en un­ter­stützt. Der Um­gang mit Da­ten (Sou­ve­rä­ni­tät, Si­cher­heit, Nut­zung) ist Schlüs­sel­fak­tor für den Er­folg.

Die Her­aus­for­de­rung ver­la­gert sich mit dem Auf­stieg von Open Sci­ence (An­sät­ze, mit de­nen wis­sen­schaft­li­che Ver­öf­fent­li­chun­gen auf Platt­for­men für den Le­ser kos­ten­frei zu­gäng­lich ge­macht und zu­sätz­lich ex­pe­ri­men­tel­le Da­ten ver­öf­fent­licht wer­den) da­hin, die re­le­van­ten For­schungs­er­geb­nis­se in der grö­ße­ren ver­füg­ba­ren Men­ge an Wis­sen auf­zu­spü­ren. Open In­no­va­ti­on (Öff­nung des In­no­va­ti­ons­pro­zes­ses von Or­ga­ni­sa­tio­nen nach au­ßen) wird auch in der In­dus­trie im­mer häu­fi­ger ein­ge­setzt, um in den not­wen­di­gen kur­zen Re­ak­ti­ons­zei­ten Lö­sun­gen für ein zu­neh­mend kom­ple­xes und in­ter­dis­zi­pli­nä­res Um­feld zu ent­wi­ckeln.

über die Gren­zen von Ein­zel­dis­zi­pli­nen und Staats­gren­zen hin­aus: In­no­va­ti­on und Wert­schöp­fung wer­den im­mer glo­ba­ler.

Um in die­sem Um­feld er­folg­reich zu be­stehen, muss der Staat al­so die rich­ti­gen Rah­men­be­din­gun­gen schaf­fen. Kei­ne der oben skiz­zier­ten grund­sätz­li­chen Aus­rich­tun­gen ist da­für per se die rich­ti­ge oder die fal­sche für den Stand­ort. Es gilt, für die Zu­kunft das Bes­te aus al­len Pha­sen zu kom­bi­nie­ren und um ei­ne grö­ße­re Por­ti­on Mut zum Ri­si­ko zu er­gän­zen. Wir brau­chen ins­be­son­de­re mehr Raum für Ex­pe­ri­men­te und par­al­lel da­zu ei­ne hö­he­re Be­reit­schaft, aus­rei­chend gro­ße Au­to­no­mie in Be­zug auf Hand­lungs- und Ent­schei­dungs­spiel­räu­me zu bie­ten und in „ris­kan­te“ Vor­ha­ben zu in­ves­tie­ren. Zu­sätz­lich muss der Staat auf der Nach­fra­ge­sei­te kla­rer Stel­lung be­zie­hen und mehr Ori­en­tie­rung ge­ben.

Mis­si­ons­zen­trie­rung hat den Vor­teil, dass da­mit zum ei­nen Of­fen­heit be­züg­lich der Ziel­er­rei­chung ver­bun­den ist und zum an­de­ren der Ge­sell­schaft der (po­ten­zi­el­le) Nut­zen von In­no­va­tio­nen und dem da­mit ver­bun­de­nen En­ga­ge­ment des Staa­tes ver­mit­telt wird. Auch wenn sich die Mis­sio­nen auf die gro­ßen Her­aus­for­de­run­gen un­se­rer Zeit be­zie­hen (z. B. de­mo­gra­fi­scher Wan­del, Kli­ma­wan­del, Be­kämp­fung von Flucht­ur­sa­chen), ist es wich­tig, die Zie­le po­si­tiv zu for­mu­lie­ren. Das trägt da­zu bei, nicht nur die Ri­si­ken zu de­bat­tie­ren, son­dern vor al­lem auch den Bei­trag zur an­ge­streb­ten Mis­si­on. Die Mis­sio­nen für Bay­ern kön­nen di­rekt aus den Zu­kunfts­fel­dern ab­ge­lei­tet wer­den. Ein Bei­spiel sind die Ge­sund­heits- und Me­di­zin­tech­no­lo­gi­en. Der Zu­kunfts­rat hat in sei­nen Emp­feh­lun­gen von 2018 de­tail­liert be­schrie­ben, wie die Zie­le (Ge­sund­heits­sys­tem de­mo­gra­fie­fest aus­ge­stal­ten und die best­mög­li­che Ver­sor­gung für je­der­mann zu Kos­ten ge­währ­leis­ten, die nicht über dem heu­ti­gen Ni­veau lie­gen) mit dem ge­ziel­ten Ein­satz neu­er Tech­no­lo­gi­en er­reicht wer­den kön­nen. Glei­ches gilt bei­spiels­wei­se für ei­ne je­der­zeit ver­füg­ba­re nach­hal­ti­ge und den in­di­vi­du­el­len Be­dürf­nis­sen ent­spre­chen­de Mo­bi­li­tät oder den Um­bau des En­er­gie­sys­tems oh­ne Ein­bu­ßen an Wett­be­werbs­fä­hig­keit (Kos­ten, Ver­sor­gungs­si­cher­heit).

Ko­ope­ra­tio­nen zwi­schen Un­ter­neh­men und For­schungs­ein­rich­tun­gen zu för­dern, führt zu ei­ner gro­ßen He­bel­wir­kung öf­fent­li­cher Gel­der und wirkt sich po­si­tiv auf das Brut­to­so­zi­al­pro­dukt aus, der An­satz muss da­her eben­falls in­ten­siv wei­ter­ver­folgt wer­den. Glei­ches gilt für Ko­ope­ra­tio­nen von Un­ter­neh­men un­ter­ein­an­der. Die Un­ter­stüt­zung von Ko­ope­ra­ti­on und Struk­tur­bil­dung darf al­ler­dings nicht zu­las­ten der För­der­sum­men und Lauf­zei­ten für Neu­an­trä­ge ge­hen, al­so der not­wen­di­gen kon­kre­ten Tech­no­lo­gie­för­de­rung.

Ak­tu­ell kom­men ers­te An­sät­ze hin­zu, die stär­ker auf Sprun­gin­no­va­tio­nen aus­ge­rich­tet sind. Sie wer­den al­ler­dings zu zö­ger­lich und mit deut­lich zu ge­rin­gem Mit­tel­ein­satz um­ge­setzt. Wenn die neue Agen­tur zur För­de­rung von Sprun­gin­no­va­tio­nen ei­ne Rol­le spie­len soll, die bei­spiels­wei­se mit der­je­ni­gen der DAR­PA ver­gleich­bar ist, dann muss

  • der Mit­tel­ein­satz (ak­tu­ell mit rund 100 Mio. € pro Jahr kal­ku­liert) ver­viel­facht wer­den, bei gleich­zei­tig schlan­ken Struk­tu­ren
  • ei­ne Viel­zahl „ri­si­ko­rei­cher“ Pro­jek­ten ge­för­dert wer­den, ins­be­son­de­re auch sol­cher, die Bei­trä­ge zur Lö­sung ge­sell­schaft­li­cher Her­aus­for­de­run­gen leis­ten kön­nen
  • das Schei­tern der Mehr­zahl die­ser Vor­ha­ben ein­kal­ku­liert und nicht als Miss­er­folg ge­deu­tet wer­den (rea­lis­ti­sches Er­war­tungs­ma­nage­ment)
  • die Agen­tur weit­ge­hend un­ab­hän­gig von Be­hör­den­struk­tu­ren agie­ren dür­fen und in der Lei­tung mit un­ter­neh­me­risch und tech­no­lo­gisch kom­pe­ten­tem Per­so­nal aus­ge­stat­tet sein.

 

Grund­vor­aus­set­zung für ei­nen ef­fi­zi­en­ten Mit­tel­ein­satz ist, dass Klar­heit dar­über be­steht, was be­reits durch be­stehen­de In­sti­tu­tio­nen (Un­ter­neh­men, For­schungs- und Ent­wick­lungs­ein­rich­tun­gen) und För­der­me­cha­nis­men ab­ge­deckt wird (the­ma­tisch und funk­tio­nal). Auch in den Mi­nis­te­ri­en, die über die Mit­tel­be­reit­stel­lung für die­se und wei­te­re auf eher ris­kan­te In­ves­ti­tio­nen aus­ge­rich­te­te Maß­nah­men ent­schei­den, muss die tech­no­lo­gi­sche Kom­pe­tenz er­höht wer­den (vgl. auch Ka­chel 03.2 und 03.5). Bei der Ziel­er­rei­chung muss ein gro­ßer Hand­lungs- und Ent­schei­dungs­spiel­raum ge­währt wer­den.

In den Be­rei­chen Nor­mung und Stan­dar­di­sie­rung ist der Staat vor al­lem als un­ter­stüt­zen­de In­stanz ge­fragt. Die Viel­zahl von tech­ni­schen Vor­ga­ben und ent­spre­chen­den Gre­mi­en macht es ge­ra­de Mit­tel­ständ­lern fast un­mög­lich, ih­re In­ter­es­sen an­ge­mes­sen ein­zu­brin­gen. An­de­re Staa­ten un­ter­stüt­zen die Un­ter­neh­men in der Nor­mungs­ar­beit – die­sem Bei­spiel muss Deutsch­land fol­gen, da­mit sich nicht Markt­macht dort bün­delt, wo der Mit­tel­ein­satz für Stan­dar­di­sie­rung am höchs­ten ist.

 

Der Ap­pell rich­tet sich aber auch an die In­dus­trie: Die Un­ter­neh­men müs­sen sich eben­falls stär­ker als bis­her der Be­deu­tung von Nor­men und Stan­dards be­wusst wer­den und in die Be­tei­li­gung an der Fest­le­gung der Maß­stä­be durch die Ent­sen­dung von Mit­ar­bei­tern in die Gre­mi­en in­ves­tie­ren. Dies gilt in be­son­de­rem Ma­ße für „sys­te­mi­sche“ Nor­mungs­fel­der, in de­nen es nicht um die Nor­mung ei­nes ein­zel­nen tech­ni­schen Ge­wer­kes geht (et­wa ei­nes Schrau­ben­durch­mes­sers), son­dern um die Ge­stal­tung ei­ner gan­zen Sys­tem­land­schaft wie z. B. Smart Grid oder In­dus­trie 4.0. Hier sind die Un­ter­neh­men ge­for­dert, sich im Vor­feld der Nor­mungs­ar­beit auf ei­ne ge­mein­sa­me Nor­mungs-Road­map zu ver­stän­di­gen und so­dann in ge­gen­sei­ti­ger Ab­spra­che die ver­füg­ba­ren Nor­mungs­ex­per­ten so auf die (in­ter-)na­tio­na­len Nor­mungs­or­ga­ni­sa­tio­nen zu ver­tei­len, dass die Road­map in Gän­ze zur Um­set­zung kommt. Der Staat kann bei die­sen kom­ple­xen Vor­gän­gen als Stif­ter wir­ken und z. B. ei­ne Platt­form für die Ver­stän­di­gung zwi­schen den Un­ter­neh­men an­bie­ten und mo­de­rie­ren. Wich­tig hier­bei ist, dass der zwei­te Teil, al­so die Um­set­zung in den Nor­mungs­or­ga­ni­sa­tio­nen und Kon­sor­ti­en, da­bei nicht zu kurz kommt – wie es lei­der in der Ver­gan­gen­heit häu­fig zu be­ob­ach­ten war.

 

For­schung und Ent­wick­lung müs­sen da­ge­gen im Be­reich der Stan­dar­di­sie­rung und Zer­ti­fi­zie­rung ler­nen­der Sys­te­me in si­cher­heits­kri­ti­schen Be­rei­chen ge­zielt un­ter­stützt wer­den. Ei­ne der wich­tigs­ten Vor­aus­set­zun­gen für die An­wen­dung von KI-ba­sier­ten Ro­bo­ter­sys­te­men ist die Ge­währ­leis­tung der mensch­li­chen Si­cher­heit durch in­tel­li­gen­te al­go­rith­mi­sche Steue­rung, ma­schi­nel­les Ler­nen und re­ak­ti­ve Pla­nungs­al­go­rith­men, die al­le auch un­ter Worst-Ca­se- Be­din­gun­gen si­cher und nach­voll­zieh­bar funk­tio­nie­ren. Hier gilt es, die Grund­la­gen zum Bei­spiel für künf­ti­ge Zu­las­sungs­ver­fah­ren zu schaf­fen, um die dras­tisch re­du­zier­te Zeit­span­ne bis zur mög­li­chen Markt­ein­füh­rung ver­fah­rens­mä­ßig ab­zu­bil­den und auch Pro­duk­te nut­zen zu kön­nen, de­ren Ver­hal­ten sich – plan­mä­ßig, aber nicht ex­akt vor­her­seh­bar – wäh­rend des Le­bens­zy­klus ver­än­dert (vgl. Ka­chel 02.3.2 Aus­klap­per 3 Auf­bau ei­nes Safe and Trust­wor­thy AI & Ro­botics Re­se­arch Cen­ter). Erst auf Grund­la­ge ent­spre­chen­der wis­sen­schaft­li­cher Er­kennt­nis­se zu Mög­lich­kei­ten der Ge­währ­leis­tung von Si­cher­heit, Zu­ver­läs­sig­keit, ggf. Trans­pa­renz lässt sich fest­le­gen, ob und in­wie­weit sich die Re­gu­la­to­rik än­dern muss. Einst­wei­len müs­sen auch hier Ex­pe­ri­men­tier­räu­me be­stehen.

Über­ge­ord­ne­tes Ziel muss es für den Staat sein, ein po­si­ti­ves Ge­samt­bild von Bay­ern be­zie­hungs­wei­se Deutsch­land als In­no­va­ti­ons­stand­ort zu trans­por­tie­ren und die Ge­sell­schaft im Gan­zen da­mit an­zu­spor­nen. Das gilt auch für die Wirt­schaft, denn ob­wohl sie die deut­sche Wirt­schaft ins­ge­samt durch­aus als in­no­va­tiv wahr­neh­men, se­hen sich die meis­ten Un­ter­neh­men selbst nicht als be­son­ders in­no­va­tiv und stre­ben in ers­ter Li­nie an, nicht vom Markt ab­ge­hängt zu wer­den. Hier muss die Mess­lat­te hö­her ge­hängt wer­den.

Chan­cen in Vor­der­grund stel­len, mit Ri­si­ken ver­nünf­tig um­ge­hen

Der Staat muss bei der Re­gu­lie­rung die rich­ti­ge Ge­wich­tung zwi­schen Chan­cen und Ri­si­ken fin­den. Wäh­rend Chan­cen viel stär­ker in den Vor­der­grund ge­rückt wer­den müs­sen, ist beim ge­setz­ge­be­ri­schen Um­gang mit Ri­si­ken deut­lich stär­ker als bis­her nach dem Grad der Ge­fähr­dung zu dif­fe­ren­zie­ren.

Es ist er­for­der­lich, den Fo­kus deut­lich stär­ker auf Chan­cen (ge­samt­ge­sell­schaft­li­che Po­ten­zia­le und Nut­zen für den Ein­zel­nen) neu­er Tech­no­lo­gi­en zu rich­ten. Der Zu­kunfts­rat hat an­ge­sichts der gro­ßen Po­ten­zia­le der di­gi­ta­len Trans­for­ma­ti­on in sei­nen Hand­lungs­emp­feh­lun­gen von 2017 be­tont, dass die Tech­nik­fol­gen­ab­schät­zung zu ei­ner Tech­nik­chan­cen­ab­schät­zung wei­ter­ent­wi­ckelt wer­den muss. Wei­te­res Bei­spiel ist der Be­reich Me­di­zin und Ge­sund­heit, wo neue Tech­no­lo­gi­en so­wohl bei der Be­kämp­fung und Ver­mei­dung von Krank­hei­ten als auch bei der Kos­ten­dämp­fung und nicht zu­letzt für Wohl­stand und gu­te Ar­beits­plät­ze am Stand­ort ei­ne Schlüs­sel­rol­le spie­len. Dem­entspre­chend ist es ge­bo­ten, auch in Deutsch­land ein um­fas­sen­des Health Tech­no­lo­gy As­sess­ment im Sin­ne ei­ner Me­di­zin-Tech­nik­chan­cen­ab­schät­zung ein­zu­füh­ren (Ge­sund­heit und Me­di­zin. Ana­ly­se und Hand­lungs­emp­feh­lun­gen, 2018). Die­ser Ge­dan­ke lässt sich auf sämt­li­che Tech­no­lo­gi­en und neue An­wen­dun­gen über­tra­gen; er soll­te zur Grund­hal­tung beim Um­gang des Staa­tes da­mit wer­den.

Seit ei­ni­ger Zeit ist in Be­rei­chen wie dem Stoff­recht (z. B. im Gel­tungs­be­reich der REACH-Ver­ord­nung) ei­ne Ten­denz zur Ri­si­ko­mi­ni­mie­rung mög­lichst bis auf null zu be­ob­ach­ten. Statt das ver­tret­ba­re Ri­si­ko zu de­fi­nie­ren, wird bei Pro­duk­ten die voll­stän­di­ge Frei­heit von be­stimm­ten Sub­stan­zen ver­langt. Mit der Nach­weis­gren­ze ver­schie­ben sich da­mit zu­gleich die An­for­de­run­gen, bes­se­re Ana­ly­se­me­tho­den füh­ren al­so um­ge­hend zu ei­nem hö­he­ren Auf­wand. Da­bei wer­den an künst­li­che, tech­nisch her­ge­stell­te Stof­fe un­gleich hö­he­re An­for­de­run­gen ge­stellt als an Na­tur­pro­duk­te. Ein viel zi­tier­tes Bei­spiel be­sagt, dass ei­ne her­kömm­li­che Him­bee­re an­ge­sichts ih­res na­tür­li­chen Ge­halts an ver­schie­de­nen Gift­stof­fen nicht die ge­rings­te Chan­ce auf Zu­las­sung hät­te, wenn sie im La­bor ent­wi­ckelt wor­den wä­re.

 

Es ist rich­tig, Ri­si­ken et­wa für die Ge­sund­heit und die Um­welt zu re­du­zie­ren, und da­bei wur­den in den letz­ten Jahr­zehn­ten auch gro­ße Fort­schrit­te er­zielt. Das An­spruchs­ni­veau muss da­bei aber im Rah­men blei­ben. Ge­lin­gen kann das, wenn Ri­si­ken – et­wa durch mi­ni­ma­le Men­gen ei­ner po­ten­zi­ell krebs­er­re­gen­den Sub­stanz – ge­ne­rell den­je­ni­gen ge­gen­über­ge­stellt wer­den, die von ver­gleich­ba­ren Pro­duk­ten aus­ge­hen.

 

Auch Ri­si­ken neu­er An­wen­dun­gen – bei­spiels­wei­se des au­to­no­men Fah­rens – müs­sen vom Staat nicht nur abs­trakt be­wer­tet, son­dern stets den mit Al­ter­na­ti­ven ver­bun­de­nen Ri­si­ken ge­gen­über­ge­stellt wer­den. Chan­cen der ver­schie­de­nen Al­ter­na­ti­ven (ein­schließ­lich des Nicht­han­dels) müs­sen gleich­wer­tig mit Ri­si­ken ein­be­zo­gen wer­den.

 

Die deut­sche Be­völ­ke­rung ist – eben­so wie die­je­ni­ge der meis­ten an­de­ren EU-Mit­glied­staa­ten – nicht per se deut­lich ri­si­koad­ver­ser als der Durch­schnitt oder als die Be­völ­ke­rung ver­gleich­ba­rer In­dus­trie­län­der. Wenn der na­tio­na­le oder eu­ro­päi­sche Ge­setz­ge­ber trotz­dem stren­ge­re Maß­stä­be an das er­laub­te Ri­si­ko an­stel­len will, dann muss das von An­fang an trans­pa­rent ge­macht, be­grün­det und bei Be­darf auch de­bat­tiert wer­den.

Obers­te Prio­ri­tät für staat­li­che Stel­len muss die Ri­si­ko­ab­wehr in den Be­rei­chen ha­ben, die für Ge­sell­schaft und Wirt­schaft ab­so­lut not­wen­dig sind. Da­zu zäh­len die Auf­recht­erhal­tung des groß­räu­mi­gen En­er­gie­sys­tems und der Schutz kri­ti­scher In­fra­struk­tu­ren (vgl. Ka­chel 02.2.1), so­wohl im Fal­le von An­grif­fen als auch im Hin­blick auf ex­tre­me Na­tur­er­eig­nis­se (Vul­kan­aus­brü­che etc.). Hier­für wird noch zu we­nig Vor­sor­ge ge­trof­fen. Auch Resi­li­enz – zu ver­ste­hen als Wi­der­stands­kraft und An­pas­sungs­fä­hig­keit nicht nur von Men­schen, son­dern als Ei­gen­schaft von kom­ple­xen tech­ni­schen Sys­te­men und In­fra­struk­tu­ren jeg­li­cher Art – muss als wich­ti­ges Quer­schnitts­the­ma in­ten­si­ver be­han­delt wer­den.

In­no­va­ti­ons­freund­li­chen Rechts­rah­men schaf­fen

Der Staat muss ei­nen Rechts­rah­men schaf­fen, der min­des­tens so in­no­va­ti­ons­freund­lich und zu­kunfts­ori­en­tiert ist wie die Men­schen und Un­ter­neh­men, die wir für die Spit­zen­for­schung und die Ent­wick­lung welt­weit er­folg­rei­cher An­wen­dun­gen aus tech­no­lo­gi­schen Neue­run­gen brau­chen.

 

Die Stu­die Tech­Check 2019. Er­folgs­fak­tor Mensch. zeigt, dass ein nach­weis­ba­rer Zu­sam­men­hang zwi­schen Re­gu­lie­rung und In­no­va­ti­ons­tä­tig­keit be­steht. Wäh­rend Deutsch­land in be­stimm­ten As­pek­ten des wei­ten Felds „Qua­li­tät der Re­gu­lie­rung“ sehr gut da­steht (Rechts­si­cher­heit, Sta­bi­li­tät des po­li­ti­schen Sys­tems etc.), schnei­den wir uns in an­de­ren Be­rei­chen selbst Chan­cen ab, et­wa durch das weit über­durch­schnitt­li­che Ni­veau der Un­ter­neh­mens­be­steue­rung, ho­he Ar­beits­kos­ten und die Un­fle­xi­bi­li­tät un­se­res Ar­beits­rechts.

 

Vie­les von dem, was als neue Re­gu­lie­rungs­ge­gen­stän­de dis­ku­tiert wird, re­gelt das heu­ti­ge Recht be­reits zu­frie­den­stel­lend, bzw. kann im Rah­men der Ver­trags­frei­heit zwi­schen den Be­tei­lig­ten ge­stal­tet wer­den. Dar­über hin­aus muss auch das gel­ten­de Recht auf mög­li­che ver­meid­ba­re Hemm­nis­se über­prüft und bei Be­darf an­ge­passt wer­den. In den bis­he­ri­gen Hand­lungs­emp­feh­lun­gen wur­den be­reits vie­le As­pek­te her­vor­ge­ho­ben, dar­un­ter die Haf­tung für au­to­no­me Sys­te­me und den KI-Ein­satz, die wei­ter ih­re Gül­tig­keit be­hal­ten.

Ins­be­son­de­re der Ein­satz di­gi­ta­ler Tech­no­lo­gi­en führt da­zu, dass Ar­beit im­mer we­ni­ger an ei­nen fes­ten Ort und star­re Zeit­fens­ter ge­bun­den ist und in zu­neh­mend agi­len Struk­tu­ren und Ab­läu­fen statt­fin­det. Platt­for­men, Co­wor­king Spaces und ähn­li­che neue For­men der Ko­ope­ra­ti­on von in­ter­nen und ex­ter­nen Spe­zia­lis­ten er­mög­li­chen fle­xi­bles Ar­bei­ten. Das ent­spricht so­wohl den Prä­fe­ren­zen vie­ler Ar­beit­neh­mer als auch den An­for­de­run­gen an die Un­ter­neh­mens­or­ga­ni­sa­ti­on in ei­nem dy­na­mi­schen und vo­la­ti­len Um­feld.

 

Der Rechts­rah­men muss an die­se mo­der­nen For­men der Ar­beit an­ge­passt wer­den. Vie­le der hoch qua­li­fi­zier­ten Fach­kräf­te wan­dern sonst ins Aus­land ab, wo sie so ar­bei­ten dür­fen, wie sie ar­bei­ten wol­len, und brin­gen dort ihr Spe­zi­al­wis­sen ein. Das gilt es zu ver­hin­dern.

 

Be­reits in den Hand­lungs­emp­feh­lun­gen von 2017 hat der Zu­kunfts­rat da­her be­tont, dass das Ar­beits­zeit­recht drin­gend mo­der­ni­siert wer­den muss. Ers­ter Schritt ist die Aus­schöp­fung des eu­ro­pa­recht­li­chen Spiel­raums, wo­nach ei­ne wo­chen- statt ta­ges-be­zo­ge­ne Be­trach­tung mög­lich ist. Im Rah­men der bran­chen­über­grei­fen­den vbw- Kam­pa­gne So möch­te ich ar­bei­ten! ha­ben Ar­beit­neh­mer ver­deut­licht, war­um das ge­ra­de auch in ih­rem In­ter­es­se ist.

 

Die grö­ße­re Fle­xi­bi­li­tät muss für al­le Un­ter­neh­men gel­ten, un­ab­hän­gig von der Ta­rif­bin­dung. Der Hand­lungs­be­darf ist hier nicht ge­rin­ger ge­wor­den; mit der Ent­schei­dung des EuGH zur Ar­beits­zeit­er­fas­sung droht ein wei­te­rer Ver­lust an Fle­xi­bi­li­tät im oh­ne­hin un­zeit­ge­mä­ßen deut­schen Ar­beits­recht. Ein zu ri­gi­des Ar­beits­zeit­sys­tem ist ein ab­schre­cken­des Si­gnal auch für Star­tups und de­ren Mit­ar­bei­ter: Die größt­mög­li­che Ab­si­che­rung vor Mehr­ar­beit oder Ar­beit zu ei­ner staat­lich de­fi­nier­ten „Un­zeit“ geht an der Le­bens­wirk­lich­keit und an den Ein­stel­lun­gen ei­ner er­geb­nis­ori­en­tier­ten und in­trin­sisch mo­ti­vier­ten Kul­tur völ­lig vor­bei.

 

Neue For­men der Zu­sam­men­ar­beit zwi­schen in­ter­nen und ex­ter­nen Ex­per­ten kön­nen im der­zei­ti­gen Rah­men nicht rechts­si­cher ge­stal­tet wer­den, weil Fra­gen von Wei­sungs­rech­ten, der be­trieb­li­chen Ein­glie­de­rung, der Ein­grup­pie­rung und Ver­set­zung so­wie des Ar­beits­schut­zes nicht ab­schlie­ßend ge­klärt sind. Es muss da­her ge­setz­lich klar­ge­stellt wer­den, in wel­chen Fäl­len kein Ar­beits­ver­hält­nis und ggf. auch kei­ne Pflicht des Auf­trag­ge­bers zur Ab­füh­rung von So­zi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­gen be­grün­det wer­den.

 

Par­al­lel zu den Mög­lich­kei­ten, sich sei­nen Ar­beits­ort selbst aus­zu­su­chen und sei­ne Zeit ein­zu­tei­len, muss der Ar­beit­neh­mer auch mehr Ei­gen­ver­ant­wor­tung über­neh­men (dür­fen). Die Ver­ant­wor­tung des Ar­beit­ge­bers kann nicht wei­ter rei­chen als sei­ne mög­li­che Kennt­nis von even­tu­el­len Ge­fähr­dungs- oder Be­las­tungs­si­tua­tio­nen. Das gilt ins­be­son­de­re auch für die Pflich­ten nach der Ar­beits­stät­ten­ver­ord­nung: Es liegt we­der im In­ter­es­se des Be­schäf­tig­ten noch des Ar­beit­ge­bers, die Er­go­no­mie des frei ge­wähl­ten mo­bi­len Ar­beits­plat­zes im Rah­men re­gel­mä­ßi­ger Be­ge­hun­gen zu über­prü­fen.

Der Auf­ga­ben­be­reich des Be­triebs­rats muss auf die­je­ni­gen Ge­bie­te be­schränkt wer­den, die tat­säch­lich die In­ter­es­sen der Mit­ar­bei­ter be­rüh­ren. Der über­zo­ge­ne Fo­kus auf die Ver­mei­dung je­der denk­ba­ren ver­meint­li­chen Miss­brauchs­mög­lich­keit bremst tech­no­lo­gi­schen Fort­schritt in den Un­ter­neh­men aus. Statt­des­sen soll­te der Schwer­punkt auf der Miss­brauchs­kon­trol­le lie­gen.

 

Pro­ble­me be­rei­tet das Mit­be­stim­mungs­recht des Be­triebs­ra­tes ins­be­son­de­re bei der Ein­füh­rung und An­wen­dung von tech­ni­schen Ein­rich­tun­gen, zu­mal die Recht­spre­chung die­ses Mit­be­stim­mungs­recht sehr weit aus­legt. Da­nach ist die Mit­be­stim­mung schon dann ge­bo­ten, wenn tech­ni­sche Ein­rich­tun­gen für ei­ne Kon­trol­le der Ar­beit­neh­mer le­dig­lich ge­eig­net sind, oh­ne dass dies tat­säch­lich ihr Zweck sein müss­te. Die­se abs­trak­te Eig­nung ha­ben na­he­zu je­de Soft­ware und die ent­spre­chen­den Up­dates. Das Mit­be­stim­mungs­recht muss auf An­wen­dun­gen be­schränkt wer­den, die tat­säch­lich ei­ne Leis­tungs- und Ver­hal­tens­kon­trol­le der Mit­ar­bei­ter be­zwe­cken.

 

Die Zu­stim­mung des Be­triebs­rats darf nicht er­for­der­lich sein, wenn sich die Ar­beits­auf­ga­ben ein­zel­ner Mit­ar­bei­ter auf­grund neu­er tech­ni­scher Rah­men­be­din­gun­gen wei­ter­ent­wi­ckeln. Der Be­triebs­rat muss der­zeit je­der Ver­set­zung zu­stim­men, al­so wenn ei­nem Ar­beit­neh­mer ein an­de­rer Ar­beits­be­reich zu­ge­wie­sen wird und dies mit ei­ner Ver­än­de­rung der Ar­beits­um­stän­de ver­bun­den ist. Da­für reicht es schon aus, wenn sich die Ar­beits­an­for­de­run­gen durch den tech­ni­schen Fort­schritt än­dern. Ge­ra­de hier ist oft ei­ne schnel­le Re­ak­ti­on ge­bo­ten, um mit der welt­wei­ten Kon­kur­renz Schritt zu hal­ten. Der Ver­set­zungs­be­griff muss da­her ge­än­dert wer­den. Auch das Mit­be­stim­mungs­recht bei Ar­beits­zei­tän­de­run­gen muss an­ge­passt wer­den, da schon heu­te die Ar­beits­zeit­re­ge­lun­gen durch ei­ne ver­än­der­te Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on im­mer kom­ple­xer wer­den.

 

Das Mit­be­stim­mungs­recht in Be­zug auf die Grup­pen­ar­beit darf sich ins­be­son­de­re nicht mehr auf die Re­ge­lung der in­ter­nen Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on und die Zu­sam­men­ar­beit der Grup­pe be­zie­hen, um nicht die er­for­der­li­che Agi­li­tät der Un­ter­neh­men zu hem­men.

Nicht nur in der For­schungs- und För­der­po­li­tik (vgl. Ka­chel 02.3), son­dern ganz ge­ne­rell muss Re­gu­lie­rung Tech­no­lo­gie­of­fen­heit ge­währ­leis­ten. Es hat sich sel­ten be­währt, wenn der Staat ver­sucht, ne­ben den Zie­len auch die zu­läs­si­gen tech­no­lo­gi­schen Mit­tel für de­ren Er­rei­chung fest­zu­le­gen. Ge­ra­de auf sich sehr dy­na­misch ver­än­dern­den Fel­dern wer­den an­de­ren­falls In­no­va­tio­nen aus­ge­bremst, oh­ne die Ziel­er­rei­chung zu ver­bes­sern. Ak­tu­el­les Bei­spiel ist die Re­gu­lie­rung im Be­reich Block­chain- Tech­no­lo­gie, de­ren För­de­rung sich so­wohl der Bund als auch der Frei­staat Bay­ern ver­schrie­ben ha­ben. Ein Haupt­hin­der­nis für den Ein­satz in der Pra­xis sind ne­ben Da­ten­schutz­fra­gen di­ver­se Form­vor­schrif­ten, die er­sicht­lich nicht auf ei­ne de­zen­tra­le Or­ga­ni­sa­ti­on aus­ge­legt sind und je­den­falls öf­fent­li­che Block­chains re­gel­mä­ßig aus­schlie­ßen.

 

Auch in wei­te­ren Be­rei­chen muss ge­prüft wer­den, wo be­stehen­de Re­gu­lie­rung das Er­rei­chen über­ge­ord­ne­ter Zie­le (Mis­sio­nen) un­nö­tig er­schwert. Das gilt z. B. für den ge­sam­ten Be­reich der En­er­gie­wen­de bzw. des Kli­ma­schut­zes (z. B. CO2-Ab­schei­dung und -Spei­che­rung) und neue An­ge­bo­te im Ver­kehr (z. B. Droh­nen, Flug­ta­xis) oder die kon­trol­lier­te grü­ne Gen­tech­nik.

Der ver­brei­te­te Wunsch, gro­ße, teil­wei­se markt­be­herr­schen­de und in al­ler Re­gel au­ßer­eu­ro­päi­sche Platt­for­men in ih­rem Ein­fluss zu­rück­zu­drän­gen, darf kei­ne un­über­leg­ten Ab­wehr­re­fle­xe des na­tio­na­len oder eu­ro­päi­schen Ge­setz­ge­bers aus­lö­sen. Ob es um die Be­steue­rung der di­gi­ta­len Wirt­schaft oder For­de­run­gen nach ei­ner Of­fen­le­gung von Da­ten und Al­go­rith­men geht: Stär­ker be­trof­fen sind letzt­lich auch oder über­wie­gend die oft noch im Auf­bau be­find­li­chen ei­ge­nen An­bie­ter. Ins­be­son­de­re in den Hand­lungs­emp­feh­lun­gen 2016 und 2017 wur­de be­reits be­schrie­ben, dass der gel­ten­de Rechts­rah­men in al­ler Re­gel zu be­frie­di­gen­den Er­geb­nis­sen führt und je­de neue Re­ge­lung ei­ner fun­dier­ten Recht­fer­ti­gung be­darf. We­der für di­gi­ta­le Platt­for­men noch für die Trans­pa­renz von Al­go­rith­men ist ein drin­gen­der Hand­lungs­be­darf er­sicht­lich.

Mehr Raum für Ex­pe­ri­men­te

Da­mit ein dich­tes Re­gu­lie­rungs­sys­tem In­no­va­to­ren nicht ab­schreckt, muss im­mer Raum für Ex­pe­ri­men­te be­stehen. An­de­ren­falls wer­den neue An­wen­dun­gen au­ßer­halb von Deutsch­land oder Eu­ro­pa er­probt und letzt­lich auch zur Markt­rei­fe ge­bracht. Um ei­nen ech­ten „In­no­va­tions-Push“ zu er­rei­chen, muss man Re­gu­lie­rung je­den­falls in ei­nem de­fi­nier­ten Be­reich über­schrei­ten dür­fen.

 

Re­alla­bo­re (Li­ving Labs), in de­nen an­de­re (we­ni­ger strik­te) re­gu­la­to­ri­sche und ge­setz­li­che Be­stim­mun­gen gel­ten, schaf­fen so ei­nen Raum zum Ex­pe­ri­men­tie­ren. Sie er­mög­li­chen, in (zeit­lich und räum­lich be­grenz­ten so­wie recht­lich ab­ge­si­cher­ten) Testräu­men Er­fah­run­gen mit In­no­va­tio­nen un­ter rea­len Be­din­gun­gen zu sam­meln. Hier kön­nen die An­wen­dun­gen von For­schungs­er­geb­nis­sen un­ter rea­len Be­din­gun­gen ge­tes­tet und wei­ter­ent­wi­ckelt wer­den. Da­zu sind Aus­nah­me­ge­neh­mi­gun­gen er­for­der­lich, die all­ge­mein gel­ten­des Recht zeit­wei­se au­ßer Kraft set­zen. Auch be­darf es da­zu ge­ge­be­nen­falls neu­er Pro­jekt- und För­der­for­ma­te, um die For­schungs- und die Um­set­zungs­per­spek­ti­ve stär­ker zu­sam­men­zu­brin­gen.

 

Da­bei geht es nicht um ei­ne De­re­gu­lie­rung oder den Ab­bau von Si­cher­heits- und Schutz­stan­dards, son­dern dar­um, ei­nen ge­eig­ne­ten Rechts­rah­men –zum Bei­spiel für den di­gi­ta­len Wan­del – aus­zu­lo­ten. Ex­pe­ri­men­tier- bzw. Öff­nungs­klau­seln für Re­alla­bo­re exis­tie­ren bspw. be­reits im Per­so­nen­be­för­de­rungs­ge­setz und in der Droh­nen­ver­ord­nung. Teil­wei­se sind al­ler­dings selbst dem ex­pe­ri­men­tier­wil­li­gen Staat Gren­zen ge­setzt, die auf­ge­ho­ben wer­den müs­sen. Ein Bei­spiel ist der Da­ten­schutz: Die DS­GVO sieht kei­ne Aus­nah­men für Re­alla­bo­re und Co vor, in de­nen die eu­ro­päi­schen Vor­ga­ben au­ßer Kraft ge­setzt wer­den kön­nen. Das muss der ge­setz­li­che Rah­men aber im­mer zu­las­sen, auf na­tio­na­ler wie auf eu­ro­päi­scher Ebe­ne.

 

Hin­zu­kom­men muss fer­ner die Be­reit­schaft des Staa­tes, aus den Er­fah­run­gen in Ex­pe­ri­men­tier­räu­men zu ler­nen und den be­stehen­den Re­gu­lie­rungs­rah­men tat­säch­lich an­zu­pas­sen.

 

Ne­ben recht­li­chen Ex­pe­ri­men­tier­räu­men sind rea­le Test­fel­der sehr wich­tig, wie be­reits in frü­he­ren Hand­lungs­emp­feh­lun­gen für das au­to­no­me Fah­ren be­tont, und müs­sen ste­tig wei­ter aus­ge­baut wer­den. Ein Bei­spiel sind die Ein­rich­tung von Son­der­for­schungs­zo­nen am Kom­pe­tenz­netz­werk Künst­li­che Ma­schi­nel­le In­tel­li­genz „ki­ni.bay­ern" (vgl. Ka­chel 02.3.2): In die­ser Ko­ope­ra­ti­on von TUM / MSRM, for­tiss, LMU, Fraun­ho­fer, Helm­holtz und der star­ken baye­ri­schen In­dus­trie sol­len die rea­li­täts­na­hen For­schungs- und Test­ein­rich­tun­gen in Form von Son­der­for­schungs­zo­nen, al­so Li­ving Labs, den ex­pe­ri­men­tel­len Kris­tal­li­sa­ti­ons­punkt von ki­ni.bay­ern dar­stel­len. Die­se Son­der­for­schungs­zo­nen be­stehen aus do­mä­nen­spe­zi­fi­schen, pro­fes­sio­nell be­trie­be­nen Pi­lo­tin­fra­struk­tu­ren für Ma­schi­nel­le In­tel­li­genz am Stand­ort Mün­chen. Hier kön­nen nicht nur neue Tech­no­lo­gi­en und Sys­te­me er­probt und im Rei­fe­grad si­gni­fi­kant fort­ent­wi­ckelt, son­dern auch zu­las­sungs­re­le­van­te Pro­zes­se be­reit­ge­stellt wer­den. Fol­gen­de drei Son­der­for­schungs­zo­nen soll­ten un­ter Be­rück­sich­ti­gung zen­tra­ler tech­no­lo­gi­scher Zu­kunfts­fel­der bzw. Mis­sio­nen zu­nächst auf­ge­baut wer­den: Zu­kunft der Ar­beit: Fac­to­ry of the Fu­ture, Zu­kunft der Ge­sund­heit: In­tel­li­gent Hos­pi­tal Ward, Zu­kunft der Mo­bi­li­tät: AI Flight and Mo­bi­li­ty Test­feld. Ziel ist es, die Spit­zen­for­schung zu bün­deln und ei­nen in­ter­na­tio­nal sicht­ba­ren Kris­tal­li­sa­ti­ons­punkt für ein ste­tig wach­sen­des Kom­pe­tenz­netz­werk im Be­reich der Ma­schi­nel­len In­tel­li­genz zu schaf­fen.

Grün­der­för­de­rung

Un­ter­neh­mens­grün­dun­gen ha­ben ei­nen wich­ti­gen An­teil an der ge­samt­wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung. Den Bei­trag kann man nicht nur in klas­si­schen volks­wirt­schaft­li­chen Kenn­zah­len mes­sen, er liegt auch in der Ver­net­zung und im Wis­sens­trans­fer. Wäh­rend Ka­pi­tal­ge­ber ihr Netz­werk und ihr Know-how zur Ver­fü­gung stel­len und eta­blier­te Un­ter­neh­men als Ko­ope­ra­ti­ons­part­ner zu­dem Markt­zu­gän­ge schaf­fen, hilft der Um­gang mit Start-ups ih­nen um­ge­kehrt da­bei, Tech­no­lo­gi­en, Wis­sen und Un­ter­neh­mens­kul­tur so­wie agi­le Ar­beits­me­tho­den wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. Es geht nicht nur dar­um, das nächs­te „Ein­horn“ (Star­t­up mit ei­ner Markt­be­wer­tung von min­des­tens ei­ner Mil­li­ar­de Dol­lar) zu fin­den, son­dern Zu­gang zu ei­ner an­de­ren Her­an­ge­hens­wei­se und neu­en tech­no­lo­gi­schen Trends zu be­kom­men. Da­zu ge­hört für den Staat auch, Grün­der ak­tiv in die Su­che nach Lö­sun­gen für zen­tra­le Her­aus­for­de­run­gen ein­zu­bin­den.

 

Die Bay­ern Ka­pi­tal GmbH hat seit ih­rer Grün­dung 1995 als hun­dert­pro­zen­ti­ge Toch­ter der LfA För­der­bank Bay­ern mehr als 290 Mil­lio­nen Eu­ro Be­tei­li­gungs­ka­pi­tal in knapp 270 in­no­va­ti­ve tech­no­lo­gie­ori­en­tier­te Un­ter­neh­men mit ei­nem Stand­ort in Bay­ern in­ves­tiert. Der 2015 hin­zu­ge­kom­me­ne Wachs­tums­fonds Bay­ern er­mög­licht ei­ne In­ves­ti­ti­on von bis zu 8 Mil­lio­nen Eu­ro pro Un­ter­neh­men für be­son­ders po­ten­zi­al­träch­ti­ge Star­tups. Die­ser Wachs­tums­fonds muss auch in den kom­men­den Jah­ren fort­ge­setzt und mit ent­spre­chen­den Haus­halts­mit­teln hin­ter­legt wer­den.

Die Rah­men­be­din­gun­gen für pri­va­te In­ves­ti­tio­nen in Start-ups müs­sen ver­bes­sert wer­den. Ge­ra­de für in­sti­tu­tio­nel­le An­le­ger müs­sen An­rei­ze ge­setzt wer­den.

 

In Eu­ro­pa steht vo­lu­men­mä­ßig deut­lich we­ni­ger Wag­nis­ka­pi­tal (Ven­ture Ca­pi­tal, VC) zur Ver­fü­gung als in Asi­en und den USA (vgl. Ab­bil­dung un­ten). Im Jahr 2018 ha­ben In­ves­to­ren rund 4,6 Mrd. Eu­ro in deut­sche Start-ups ge­steckt, rund sie­ben Pro­zent mehr als 2017. So­wohl bei der Ge­samt­sum­me als auch bei der An­zahl der fi­nan­zier­ten Un­ter­neh­men liegt Ber­lin mit deut­li­chem Ab­stand vor­ne, ge­folgt von Bay­ern und Ham­burg. In Bay­ern und Ham­burg ha­ben sich al­ler­dings die In­ves­ti­tio­nen von 2017 zu 2018 ver­dop­pelt (Bay­ern: von 407 auf 802, Ham­burg so­gar von 230 auf 548), wäh­rend sie in Ber­lin im sel­ben Zeit­raum ge­sun­ken sind (von 2.969 auf 2.613 Mio. Eu­ro). Von den Sek­to­ren pro­fi­tiert in Deutsch­land der­zeit noch der Be­reich E-Com­mer­ce am stärks­ten, ge­folgt von Fin­tech und Soft­ware / Ana­lytics, Mo­bi­li­tät und Ge­sund­heit. Bei den weit­aus meis­ten Fi­nan­zie­rungs­run­den in den letz­ten Jah­ren (369 von 498 in 2017, 427 von 587 in 2018) ging es um Ge­samt­sum­men von 5 Mio. Eu­ro und we­ni­ger; nur bei je­weils sechs Un­ter­neh­men (al­so rund ei­nem Pro­zent) ging es um mehr als 100 Mio. Eu­ro.

 

 

Der Un­ter­schied zwi­schen Eu­ro­pa, Asi­en und den USA tritt so­gar noch deut­li­cher zu­ta­ge, wenn es um die spä­te­ren Pha­sen der Un­ter­neh­mens­grün­dung geht (vgl. Ab­bil­dung un­ten).

 

 

In Fi­nan­zie­rungs­run­den un­ter Be­tei­li­gung aus­län­di­scher In­ves­to­ren wird fast vier­mal so viel Ka­pi­tal in tech­no­lo­gie­in­ten­si­ve eu­ro­päi­sche Wachs­tums­un­ter­neh­men in­ves­tiert wie in rein in­län­di­schen Run­den. Die aus­län­di­schen In­ves­ti­tio­nen in in­län­di­sche Start-ups sind wich­tig, zu­mal die Geld­ge­ber ne­ben den fi­nan­zi­el­len Mit­teln auch Kon­tak­te und Know-how für die In­ter­na­tio­na­li­sie­rung mit­brin­gen. So sind die Un­ter­neh­men mit aus­län­di­schen In­ves­to­ren wirt­schaft­lich er­folg­rei­cher. Sie wer­den zu ca. zwei Drit­tel auch an aus­län­di­sche In­ves­to­ren ver­kauft bzw. ge­hen im Aus­land an die Bör­se. Das mag je­den­falls zum Teil an ei­ner bes­se­ren, ge­ziel­te­ren Aus­wahl lie­gen, si­cher aber auch an ei­ner kom­pe­ten­ten Un­ter­stüt­zung.

 

Da­ne­ben müs­sen auch die In­ves­ti­tio­nen aus dem In­land ge­stärkt wer­den. Deut­sche High Tech Start-ups dür­fen künf­tig nicht mehr nur des­halb auf aus­län­di­sche Ka­pi­tal­ge­ber an­ge­wie­sen sein, weil kei­ne in­län­di­schen zur Ver­fü­gung ste­hen – dies führt letzt­lich zu ei­ner Ab­wan­de­rung von Know-how und Wert­schöp­fung. Da­zu bie­ten sich meh­re­re par­al­le­le In­stru­men­te an (Vgl. Ab­bil­dung un­ten), die par­al­lel ein­ge­führt bzw. ge­stärkt wer­den müs­sen.

 

 

Das in Start-ups häu­fig ge­nutz­te In­stru­ment der Mit­ar­bei­ter­be­tei­li­gung spielt (wie bei vie­len eta­blier­ten Un­ter­neh­men) auch ei­ne wich­ti­ge Rol­le für die Fach­kräf­te­si­che­rung und die Sta­bi­li­sie­rung des jun­gen Un­ter­neh­mens. Die ge­mein­sa­me Ent­wick­lung von Stan­dard­ver­trä­gen durch die ent­spre­chen­den Ver­bän­de, Grün­der­zen­tren und staat­li­chen Stel­len wür­de Un­si­cher­hei­ten in recht­li­cher und steu­er­li­cher Sicht aus­räu­men.

 

Kurz­zei­tig hat sich die Aus­ga­be von so­ge­nann­ten To­ken (di­gi­ta­le „Gut­schei­ne“, die auf den Bör­sen für Kryp­towäh­run­gen han­del­bar sind) un­ter Ver­wen­dung der Block­chain- Tech­no­lo­gie als neue Form des Crowd­fun­ding ei­ni­ger Be­liebt­heit er­freut, auch be­kannt un­ter dem Schlag­wort In­iti­al Co­in Of­fe­ring. Im Jahr 2017 wur­den auf die­se Wei­se rund sechs Mil­li­ar­den Dol­lar ein­ge­sam­melt. In­ves­to­ren er­hal­ten in der Re­gel kei­ne Mit­be­stim­mungs­rech­te und tra­gen das un­ter­neh­me­ri­sche Ri­si­ko (aber auch die Chan­cen) über die Wert­ver­än­de­rung des To­kens voll mit. Für Start-ups war an dem Mo­dell vor al­lem der ge­rin­ge bü­ro­kra­ti­sche Auf­wand at­trak­tiv. Zwi­schen­zeit­lich ha­ben die Auf­sichts­be­hör­den so­wohl in den USA als auch in Deutsch­land re­agiert: die Ba­Fin prüft nun­mehr im Ein­zel­fall, ob es sich um ein Wert­pa­pier oder ei­ne Ver­mö­gens­an­la­ge han­delt; in bei­den Fäl­len greift dann die Re­gu­lie­rung ein. Die Ge­währ­leis­tung ei­nes Le­vel Play­ing Fields ist rich­tig; trotz­dem soll­te ge­prüft wer­den, ob Er­leich­te­run­gen ge­schaf­fen wer­den kön­nen, die ins­ge­samt da­zu füh­ren, Crow­din­ves­ting noch at­trak­ti­ver zu ma­chen.

Das Steu­er­recht bie­tet ei­ni­ge wei­te­re An­satz­punk­te, die ge­nutzt wer­den müs­sen, um das Grün­dungs­ge­sche­hen am Stand­ort zu för­dern.

 

Bei neu ge­grün­de­ten Un­ter­neh­men soll­te auf die Pflicht zur ge­ne­rel­len Ab­ga­be von mo­nat­li­chen Um­satz­steu­er-Vor­an­mel­dun­gen ver­zich­tet wer­den, um die jun­gen Un­ter­neh­men von Auf­wand und Kos­ten zu ent­las­ten.

 

Vor­schrif­ten zum Ver­lust­un­ter­gang (Un­ter­gang bis­her auf­ge­lau­fe­ner Ver­lust­vor­trä­ge bei An­teils­eig­ner­wech­sel) müs­sen – letzt­lich für al­le Un­ter­neh­men – da­hin­ge­hend an­ge­passt wer­den, dass die Aus­nah­me­re­ge­lun­gen für in­no­va­ti­ve Un­ter­neh­men auch bei Ver­än­de­run­gen des Ge­schäfts­mo­dells ein­grei­fen.

 

Die Re­geln zur Min­dest­be­steue­rung müs­sen über­ar­bei­tet wer­den: Sie füh­ren der­zeit da­zu, dass Start-ups Steu­ern zah­len müs­sen, so­bald sich ers­te si­gni­fi­kan­te Er­trä­ge ein­stel­len, ob­wohl aus den Vor­jah­ren noch Ver­lus­te in den Bü­chern ste­hen. Das be­las­tet die Bi­lanz und be­ein­träch­tigt ge­ge­be­nen­falls die Mög­lich­keit, wei­te­re Ent­wick­lungs­schrit­te zu fi­nan­zie­ren.

 

Ei­nen Im­puls für Wag­nis­ka­pi­tal gä­be es, wenn die Wag­nis­ka­pi­tal­ge­ber ih­re Auf­wen­dun­gen für In­vest­ments in jun­ge, in­no­va­ti­ve Un­ter­neh­men (Grün­dungs­fi­nan­zie­run­gen und An­teils­wer­ber) steu­er­lich so­fort gel­tend ma­chen könn­ten, weil das Ri­si­ko da­durch ab­ge­fe­dert wür­de. Wenn sich das In­vest­ment pro­fi­ta­bel ent­wi­ckelt, wird der So­fort­ab­zug durch die Be­steue­rung von Ver­äu­ße­rungs­ge­win­nen wie­der aus­ge­gli­chen.

 

Die Um­satz­steu­er­be­frei­ung für die Ver­wal­tungs­tä­tig­keit be­stimm­ter Fonds­ver­wal­tungs­ge­sell­schaf­ten soll­te auf Ven­ture-Ca­pi­tal-Fonds er­wei­tert wer­den, um fai­re Wett­be­werbs­be­din­gun­gen mit aus­län­di­schen Wett­be­wer­bern her­zu­stel­len.

 

Auch für Klein­an­le­ger (z. B. im Rah­men ei­nes Crowd­fun­ding) müs­sen bes­se­re An­rei­ze ge­setzt wer­den. Der­zeit wer­den sie zwar nicht steu­er­sys­te­ma­tisch be­nach­tei­ligt, wohl aber fak­tisch, weil sie man­gels Mas­se re­gel­mä­ßig nicht die Mög­lich­keit ha­ben, Ver­lus­te aus ih­ren In­vest­ments mit Ge­win­nen aus an­de­ren Ka­pi­tal­er­trä­gen zu ver­rech­nen. Zu prü­fen ist hier die Ein­füh­rung ei­nes Frei­be­trags, bis zu dem im Pri­vat­ver­mö­gen ent­stan­de­ne Ver­lus­te aus Ka­pi­tal­an­la­gen mit po­si­ti­vem Ein­kom­men aus an­de­ren Ein­kom­mens­ar­ten ver­rech­net wer­den kön­nen.

Ge­ra­de im High­tech-Be­reich muss der Staat da­für Sor­ge tra­gen, dass ei­ne Grün­dung nicht an der in­fra­struk­tu­rel­len Aus­stat­tung für die Ent­wick­lung schei­tert. Teu­er ist die­se in al­len klas­si­schen Wis­sen­schaf­ten bzw. über­all dort, wo es um stoff­li­che Hand­ha­bung geht. Tech­ni­sche Ge­rät­schaf­ten auf Spit­zen­ni­veau (u. a. La­bo­raus­stat­tung, Mess­tech­nik etc.) müs­sen für Star­tups und jun­ge Un­ter­neh­men zu­gäng­lich sein. Sie soll­ten eben­so bei der Durch­füh­rung von Tests und Zer­ti­fi­zie­rungs­ver­fah­ren un­ter­stützt wer­den. Ent­wick­lung auf Spit­zen­ni­veau und Tech­no­lo­gie­trans­fer muss auf al­len Zu­kunfts­fel­dern mög­lich sein, bei­spiels­wei­se in der Na­no­tech­no­lo­gie. Da­zu ge­hört auch, ein­zel­nen Start-ups Zu­gang zum Su­per­com­pu­ter des LRZ zu ge­wäh­ren, um dort ih­re An­wen­dun­gen ent­wi­ckeln und tes­ten zu kön­nen. Pri­vat­fi­nan­zier­te oder ko­fi­nan­zier­te Grün­der­zen­tren nach dem Vor­bild von Play­ground Glo­bal – ei­ner Mi­schung aus Ven­ture-Fonds, In­ku­ba­tor und Ent­wick­lungs­zen­trum für Hard- und Soft­ware – wä­ren ei­ne sinn­vol­le Er­gän­zung. Ziel ist es, Res­sour­cen (z. B. Hard­ware wie ver­schie­de­ne Ty­pen von 3D-Dru­ckern, Sen­so­ren, me­cha­tro­ni­sche Ele­men­te, aber auch neu­es­te Soft­ware-Tools), Be­treu­ung und Fi­nan­zie­rung von Start-ups aus ei­ner Hand be­reit­zu­stel­len. Den Be­darf müs­sen staat­li­che Stel­len ge­mein­sam mit Ex­per­ten aus Wirt­schaft und Wis­sen­schaft de­fi­nie­ren. Ge­ne­rell sind Co-Fun­ding-Struk­tu­ren zu eta­blie­ren bzw. ers­te vor­han­de­ne An­sät­ze zu stär­ken

Wie schon in al­len ver­gan­ge­nen Hand­lungs­emp­feh­lun­gen be­tont, muss der Staat wei­ter sei­nen Bei­trag da­zu leis­ten, Grün­der und jun­ge Un­ter­neh­men mit den eta­blier­ten Un­ter­neh­men zu­sam­men­zu­brin­gen. Ge­ra­de am Stand­ort Bay­ern liegt ei­ne für die Grün­der­sze­ne re­le­van­te be­son­de­re Stär­ke in der Prä­senz ei­ner star­ken In­dus­trie, aber auch wich­ti­ger Dienst­leis­tungs­schwer­punk­te et­wa im Be­reich des Fi­nanz- und Ver­si­che­rungs­we­sens. Zur Ver­net­zung ge­hört auch, Un­ter­neh­men auf den Cam­pus der Uni­ver­si­tä­ten zu ho­len.

Die Kom­pe­ten­zen in den zahl­rei­chen Grün­der­zen­tren müs­sen bes­ser ge­nutzt wer­den, um Lö­sun­gen für ak­tu­el­le Her­aus­for­de­run­gen zu fin­den. Wett­be­wer­be und Aus­schrei­bun­gen ha­ben sich hier­für als pro­ba­tes Mit­tel er­wie­sen. Bei grö­ßer an­ge­leg­ten Dis­kus­si­ons­fo­ren wie dem En­er­gie­gip­fel oder dem Zu­kunfts­fo­rum Au­to­mo­bil soll­te die Ein­bin­dung von Start-ups in die Ide­en­fin­dung und Lö­sungs­ent­wick­lung zum Stan­dard wer­den.

Stär­ken des Eu­ro­päi­schen Bin­nen­markts aus­spie­len

Der Eu­ro­päi­sche Bin­nen­markt muss als Gan­zes ver­stan­den und ge­nutzt wer­den, wenn es um in­no­va­ti­ve Pro­duk­te und neue Ge­schäfts­mo­del­le geht. Sei­ne Voll­endung muss wei­ter vor­an­ge­trie­ben wer­den.

 

Die Ana­ly­sen der Stu­die Tech­Check 2019. Er­folgs­fak­tor Mensch. zei­gen viel­fach, dass zwar Deutsch­land und an­de­re eu­ro­päi­sche Län­der auf wich­ti­gen tech­no­lo­gi­schen Zu­kunfts­fel­dern nicht mit den USA oder Chi­na mit­hal­ten kön­nen, wohl aber die EU als Gan­zes. Die Po­si­tio­nie­rung im Be­reich der Künst­li­chen In­tel­li­genz ist ein Bei­spiel da­für. Dar­auf muss wei­ter auf­ge­baut wer­den: mit ei­ner am­bi­tio­nier­ten For­schungs­för­de­rung und in­no­va­ti­ons­freund­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen.

 

Das ab 2021 lau­fen­de neun­te For­schungs­rah­men­pro­gramm Ho­ri­zon Eu­ro­pe muss die Er­kennt­nis­se aus dem ak­tu­ell lau­fen­den Pro­gramm auf­neh­men und die im Fo­kus ste­hen­den Schlüs­sel­tech­no­lo­gi­en wie die Künst­li­che In­tel­li­genz noch stär­ker för­dern. Die Vor­ga­ben für Be­an­tra­gung und Ab­wick­lung von For­schungs­för­der­gel­dern müs­sen wei­ter ver­ein­facht und stär­ker an der be­trieb­li­chen Pra­xis ori­en­tiert wer­den. Die Ab­wick­lung der Aus­schrei­bung und Pro­jek­te im Rah­men von Next Ge­ne­ra­ti­on In­ter­net wird auch von Start-ups als hand­hab­bar emp­fun­den und soll­te ins­ge­samt Schu­le ma­chen. Auch die An­for­de­run­gen der In­dus­trie müs­sen in den Pro­gram­men und Pro­gramm­auf­ru­fen stär­ker ins Zen­trum ge­rückt wer­den – Ziel soll­te ei­ne Ein­bet­tung in ei­ne eu­ro­päi­sche In­dus­trie­stra­te­gie sein.

 

An­ge­sichts der über­ra­gen­den Be­deu­tung von For­schung, Ent­wick­lung und In­no­va­ti­on und des aus­ge­ge­be­nen Ziels von drei Pro­zent des BIP im EU-Durch­schnitt (der­zeit rund zwei Pro­zent) ist das mit 100 Mil­li­ar­den Eu­ro avi­sier­te Ge­samt­bud­get zu ge­ring be­mes­sen und soll­te auf­ge­stockt wer­den. Bay­ern und Deutsch­land lie­gen bei den ein­ge­wor­be­nen Mit­teln auf Spit­zen­po­si­tio­nen, die es zu hal­ten gilt.

 

Bei­hil­fe­recht und Kar­tell­recht (ins­be­son­de­re Un­ter­neh­mens­zu­sam­men­schlüs­se und Mo­del­le zur Da­ten­nut­zung et­wa auf Platt­for­men) müs­sen auf den Prüf­stand ge­stellt wer­den. Bei Be­darf sind mo­de­ra­te An­pas­sun­gen er­for­der­lich, um die glo­ba­le Wett­be­werbs­fä­hig­keit der eu­ro­päi­schen Wirt­schaft zu si­chern und wir­kungs­vol­le Im­pul­se auf wich­ti­gen Tech­no­lo­gie­fel­dern zu er­mög­li­chen. Staat­li­che Ein­grif­fe in das Markt­ge­sche­hen sind auf das Not­wen­digs­te zu be­gren­zen.

 

Un­be­dingt zu ver­mei­den sind Ein­grif­fe, die die eu­ro­päi­schen Un­ter­neh­men schwä­chen, wie bei­spiels­wei­se ei­ne neue EU-Di­gi­tal­steu­er, wei­te­re Ver­schär­fun­gen im Da­ten­schutz­recht oder ei­ne über­zo­ge­ne Re­gu­lie­rung von Al­go­rith­men und au­to­no­men Sys­te­men. Ge­ra­de auf dem wich­ti­gen Feld der Di­gi­ta­li­sie­rung müs­sen mög­lichst in­no­va­ti­ons­freund­li­che Rah­men­be­din­gun­gen gel­ten, um die Ent­ste­hung neu­er An­ge­bo­te im Bin­nen­markt zu för­dern. Das gel­ten­de Recht ge­währ­leis­tet zu Recht be­reits ein ho­hes Schutz­ni­veau und wird auch ge­gen­über au­ßer­eu­ro­päi­schen Wett­be­wer­bern durch­ge­setzt.