Handlungsempfehlungen des
Zukunftsrats der Bayerischen Wirtschaft 

1
Empfehlungen zu allgemeinen Rahmen­bedingungen für Innovationen
Empfehlungen zu allgemeinen Rahmen­bedingungen für Innovationen
Notwendige Weichenstellungen als Reaktion auf globale Trends

Innovationen sind der Treibstoff für unsere Wettbewerbsfähigkeit. In einer Welt im rasanten Wandel müssen neben vielen spezifischen Einzelmaßnahmen dafür vor allem die Weichenstellungen am Standort stimmen.

Die Bevölkerungszahl in Deutschland geht zurück und die in Deutschland lebenden Menschen werden immer älter – der demografische Wandel prägt wie kaum ein anderer Aspekt die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung des Landes in den kommenden Jahrzehnten. Die Zahl der Neugeborenen eines Jahrgangs ist durch die demografische Struktur der Bevölkerung für den Zeitraum einer Lebensspanne – d.h. für rund 80 Jahre – festgeschrieben. Selbst fundamentale Änderungen bei Fertilität, Mortalität und auch Zuwanderung bleiben innerhalb einer Generation ohne wesentliche Auswirkungen auf die Altersstruktur.

Die drastische Alterung der Gesellschaft innerhalb der nächsten Jahrzehnte ist weitgehend unabänderlich. Nur eine substanzielle Zuwanderung bietet in begrenztem Umfang die Chance für kurzfristige Veränderungen der demografischen Struktur. Der gezielte Zuzug von Fachkräften findet derzeit nur in begrenztem Umfang statt. Dies bedeutet für den Arbeitsmarkt, dass der Verlust von Arbeitskräften durch altersbedingtes Ausscheiden nicht vollständig kompensiert werden kann, sondern durch eine gezielte Anwerbung von Fachkräften ergänzt werden muss. Setzt sich der derzeitige Flüchtlingsstrom nach Deutschland und Bayern fort, wird der Integration dieser Gruppe in den Arbeitsmarkt große Bedeutung zukommen.

Dieses Phänomen hat auf die Sozialsysteme und auf den Arbeitsmarkt massive Auswirkungen. Durch die Umlagefinanzierung und Leistungsausweitungen werden die Beitragssätze weiter ansteigen. Die entscheidende Herausforderung für die Politik besteht darin, die Sozialversicherungen so zu reformieren, dass sie finanzierbar bleiben und den Faktor Arbeit nicht noch stärker belasten. Gleichzeitig besteht auch das Interesse, Alterskrankheiten vorzubeugen und effektive Therapien zu entwickeln.

Darüber hinaus wandeln sich die Nachfrage und die Bedürfnisse von großen Teilen der Bevölkerung. Hierauf müssen sich nicht nur die Politik – etwa hinsichtlich der Gewährleistung einer flächendeckenden medizinischen Versorgung – einstellen, sondern auch Wirtschaft und Wissenschaft, wenn es beispielsweise um die Entwicklung von Assistenzsystemen geht, die ein weitgehend selbstständiges Leben im Alter erleichtern, oder um Technologien zur Unterstützung des gesunden Alterns. Gleichzeitig gilt es, bei allen Entscheidungen die Präferenzen einer vielleicht nicht wesentlich kleineren, aber anders zusammengesetzten Bevölkerung angemessen zu berücksichtigen.

Auf dem Arbeitsmarkt werden sich die Folgen des demografischen Wandels mit am stärksten zeigen. Wie in der vbw-Studie „Arbeitslandschaften“ dargestellt, besteht bis 2020 in Bayern eine potenzielle Lücke von rund 230.000 Arbeitskräften, bis 2040 sogar von rund 560.000 Arbeitskräften.

Die Unterdeckung ist in den einzelnen Tätigkeitsfeldern unterschiedlich ausgeprägt. Die größten Engpässe treten im Dienstleistungssektor, vor allem bei Gesundheit und Pflege, aber auch im Verarbeitenden Gewerbe auf. Während die Nachfrage nach wenig oder nicht qualifizierten Arbeitskräften sinkt, steigt die Nachfrage nach qualifizierten Beschäftigten. Sowohl in der Produktion als auch bei den Dienstleistungen nehmen die wissensbasierten Tätigkeiten zu.

Um den Bedarf an Fachkräften zu decken, müssen alle Potenziale ausgeschöpft werden. Geeignete Maßnahmen sind die Verbesserung der Beschäftigungschancen durch Qualifizierung, eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen, längere (Lebens-)Arbeitszeiten sowie die gezielte Zuwanderung von Fachkräften aus dem Ausland. Auch diejenigen, die ohne gezielte Anwerbung zu uns kommen und eine konkrete Bleibeperspektive haben, müssen schnellstmöglich in den Arbeitsmarkt integriert werden.

Gute Bildung ist ein universeller Erfolgsfaktor. Sie ermöglicht dem Einzelnen, sein privates, berufliches und gesellschaftliches Leben selbstgestaltet führen zu können. Bildung ist heute und morgen grundlegend für die Weiterentwicklung unserer Gesellschaft und deren Zusammenhalt, und sie ist entscheidend für den Erhalt unserer volkswirtschaftlichen Leistungsfähigkeit sowie unseres Wohlstands.

Um im globalen Wettbewerb bestehen und um das Arbeitskräftepotenzial voll ausschöpfen zu können, brauchen wir in unserem Bildungssystem noch mehr Bildungsqualität, mehr Bildungsbeteiligung und mehr Partizipationsgerechtigkeit. Denn nur wenn wir alle Bildungspotenziale heben, sind wir für die Zukunft gewappnet.

Zentrale Ansatzpunkte für die Zukunft sind eine ganzheitliche und mehrdimensionale Bildung sowie die optimale Ausschöpfung der Potenziale digitaler Lehr- und Lernprozesse.

Bildung umfasst die drei Dimensionen Wissenserwerb, Kompetenzentwicklung und Persönlichkeitsentwicklung. Aufgabe des Bildungssystems über alle Lebensphasen ist es, Lernende sowohl beim Wissenserwerb als auch beim Kompetenzaufbau und bei der ganzheitlichen Entwicklung ihrer Persönlichkeit zu unterstützen. Nur wenn im Lernprozess alle Bildungsdimensionen berücksichtigt werden, stellt sich Erfolg in Schule, Ausbildung, Studium, Beruf und in der gesellschaftlichen Teilhabe ein.

Die Halbwertszeit von Wissen wird immer kürzer. Gleichzeitig erfordert der vereinfachte Zugang zu Information neue Kompetenzen, die im Bildungssystem vermittelt werden müssen – zwischen Daten, Informationen und Wissen liegen erhebliche Verarbeitungsschritte. Mit einem Smartphone kann heute ein Kind an einem x-beliebigen Punkt der Erde mehr Information und manchmal auch Wissen aufrufen, als es selbst höchste politische Entscheidungsträger mit allen Stäben, Kontakten und Administrationseinheiten noch vor 40 Jahren konnten. Nicht nur Wissen wissen, sondern Lernen lernen und Informationen kritisch bewerten sind entscheidende Kompetenzen in der Gesellschaft 4.0. Unser Bildungssystem muss diese Maßstäbe verinnerlichen.

Verschiedene Studien zeigten in den vergangenen Jahren auf, dass in Deutschland und Bayern der schulische Erfolg im internationalen Vergleich überdurchschnittlich stark von der Herkunft und dem sozialen Status der Eltern abhängt. Zudem fallen Schüler ohne deutschen Pass oder mit Migrationshintergrund deutlich unter den deutschen Durchschnitt zurück. Damit werden die Chancen eines wichtigen Teils der jungen Bevölkerung auf soziale Teilhabe erheblich geschmälert. Eine erhöhte Bildungsbeteiligung in dieser Bevölkerungsgruppe wird das Arbeitskräfte- bzw. Fachkräftepotenzial deutlich erhöhen.

Immer mehr Schulabgänger entscheiden sich für ein Hochschulstudium. Der Anteil der Jugendlichen, die eine duale Ausbildung anstreben, nimmt ab. Zusätzlich bleibt die Zahl der jungen Erwachsenen, die weder über einen Studienabschluss noch über eine abgeschlossene Berufsausbildung verfügen, auf einem zu hohen Niveau. Dies verschärft die Lücke insbesondere bei benötigten Fachkräften mit beruflicher Qualifizierung. Gleichzeitig stehen die Hochschulen vor der Herausforderung einer steigenden Zahl von Studierenden. Universitäten und Fachhochschulen sind gefordert, ihre Effizienz und ihren Output zu verbessern. Wichtige Anhaltspunkte sind die Reduzierung der Studienabbruchquoten, nicht zuletzt durch Optimierung der Eingangsphasen (sog. Eignungsfeststellung vor Studienbeginn).

Darüber hinaus werden Weiterbildung und lebenslanges Lernen noch wichtiger. Das ist von individueller wie und volkswirtschaftlicher Bedeutung. Die Bedeutung der Weiterbildung wird im herkömmlichen Bildungssystem massiv unterschätzt: Nur durch sie lässt sich das Fachkräftepotenzial ausschöpfen.

Es kommt hinzu, dass für eine dauerhafte Fachkräftesicherung die Gestaltung von Bildungsangeboten stärker dem Umfeld angepasst werden muss. Bisher sind viele Angebote in den unterschiedlichen Bildungsinstitutionen stark standardisiert und unflexibel. Eine Flexibilisierung von Bildungsangeboten (etwa in Form von Teilzeitausbildungen und -studiengängen, modularisierten und / oder berufsbegleitenden Angeboten, Summer Schools u. Ä.) kann dazu beitragen, dass die verschiedenen Personengruppen, gerade auch jene in besonderen Lebenslagen (etwa mit Kinderbetreuung oder Pflegeaufgaben), die Möglichkeit erhalten, Bildungsangebote überhaupt erst in Anspruch nehmen zu können.

In der Gesellschaft 4.0 werden alle Lebensbereiche digitalisiert. Bereits heute sind Leben und Arbeiten durch die Vernetzung von Mensch und Maschine geprägt. Entsprechend sind auch die Anforderungen an die Unternehmen und Arbeitnehmer. In der digitalen Arbeitswelt sind Mitarbeiter gefragt, die insbesondere eine hohe Medienkompetenz aufweisen, d. h. die digitale Technik zielspezifisch anwenden können, und die zum lebenslangen digitalen Lernen bereit sind. Denn gerade die Digitalisierung ermöglicht es Menschen jeden Alters und in allen Lebenssituationen, Bildungsangebote in Anspruch zu nehmen.

Moderne Kommunikations- und Informationsmedien spielen im Unterricht noch nicht die Rolle, die ihnen aufgrund des digitalen Wandels und der Bedeutung für Gesellschaft und Wirtschaft in Zukunft zukommt. Alle Bildungseinrichtungen sind gefordert, sich digital besser aufzustellen, was spezifische Lerninhalte und -methoden betrifft. Das stellt auch Herausforderungen an die Infrastruktur. Nicht nur die schnellen Datenautobahnen müssen in der Fläche ausgebaut werden, auch die Ausstattung der Bildungseinrichtungen muss massiv vorangetrieben werden. Digitalisierung beginnt im Klassenzimmer, wenn nicht schon im Kindergarten.

Neue technologische Entwicklungen werden die Arbeitswelt in weiten Teilen grundlegend verändern. Die Arbeitswelt der Zukunft wird vernetzter, digitaler und flexibler. Die Produktion verändert sich grundlegend. Die stärkere Vernetzung und eine engere Zusammenarbeit von Mensch und Maschine ermöglichen neue Produkte und Dienstleistungen. Diese Arbeitswelt bedingt hochqualifizierte Arbeitnehmer, die sich laufend auf sich ändernde Rahmenbedingungen einstellen. Flexibilität und Spezialisierung führen zu einem neuen Verständnis von Arbeitsverhältnissen und Karrierewegen. Daher ist es nötig, dass die gesetzlichen Rahmenbedingungen und die sozialen Sicherungssysteme diesen Chancen Rechnung tragen.

Flexible Beschäftigungsformen und neue Kommunikationsmittel bieten den Unternehmen und ihren Mitarbeitern zahlreiche Möglichkeiten, Arbeitsabläufe zu optimieren und zu beschleunigen. In der Arbeitswelt 4.0 gestalten sich die Grenzen zwischen beruflichem und privatem Bereich fließend. Dadurch wird es den Arbeitnehmern ermöglicht, beides besser miteinander in Einklang zu bringen. Arbeitszeit und Arbeitsort verlieren an Bedeutung. Die Digitalisierung führt zu einer stärkeren Orientierung an Arbeitsergebnissen und zur Auflösung klassischer funktionaler Organisationseinheiten und zu beschleunigten Entscheidungsprozessen.

Für viele Unternehmen und ihre Mitarbeiter stellt die Entkoppelung von Arbeitszeit und Arbeitsentgelt oder das Arbeiten in der Cloud eine Erleichterung dar, die für alle Seiten Vorteile mit sich bringt. Das Individualarbeitsrecht sowie zahlreiche Arbeitsschutzvorschriften, die diese modernen Varianten des Mitarbeitereinsatzes nicht im Blick haben, erschweren jedoch die Etablierung moderner Beschäftigungsformen. Das Arbeitsrecht muss diesen veränderten Rahmenbedingungen angepasst werden, damit die deutschen Unternehmen im internationalen Wettbewerb Schritt halten können.

Mit seiner zentralen Lage und aufgrund seiner Exportstärke ist Bayern in besonders hohem Maße in die Weltwirtschaft eingebunden. Eine positive wirtschaftliche Entwicklung ist von einer modernen, funktionierenden Infrastruktur abhängig. Dies gilt umso mehr, je stärker die internationalen Verflechtungen der Wertschöpfungsketten zunehmen.

Bayern verfügt über ein gut ausgebautes Straßen-, Schienen- und Wasserstraßennetz. Dieser Standortvorteil ist gefährdet. Insbesondere im Straßennetz sind Kapazitätsgrenzen erreicht. Es muss verhindert werden, dass rückläufige Investitionsquoten und die zunehmende Belastung zu einem Qualitätsverlust führen.

Bis 2030 müssen deutschlandweit rund 300 Milliarden Euro in den Aus- und Neubau der deutschen Verkehrsinfrastruktur investiert werden, damit akute Engpässe behoben sowie der stetig steigende Güter- und Personenverkehr auch künftig bewältigt werden können. Dazu müssen die Bundesmittel für die Verkehrsinfrastruktur dauerhaft erhöht und verstetigt, öffentlich-private Partnerschaften auf gesicherter Rechtsbasis eingegangen und die Nutzerfinanzierung dauerhaft implementiert werden.

Eine zunehmend wichtige Rolle spielt der Zugang zu schneller Informationsinfrastruktur. Flächendeckend – gerade auch im ländlichen Raum – müssen mindestens 100 Mbit/s bis zum Jahr 2020 zur Verfügung stehen. Ergänzend muss sukzessive der Ausbau von Glasfaserverbindungen bis zu den Häusern vorangetrieben werden, was für das Flächenland Bayern eine immense Herausforderung darstellt. Der Bedarf steigt stetig mit wachsenden Datenmengen und dem Fortschreiten der Digitalisierung in allen Bereichen.

Ein hochleistungsfähiger Internetanschluss wird von der Bevölkerung heute schon als Teil der Daseinsvorsorge angesehen und ist Grundlage jedes wirtschaftlichen Handelns. Auch der Staat benötigt für die Bereitstellung seiner sonstigen Angebote und die Umsetzung seiner Aufgaben ein Kommunikationsnetz, das modernsten Ansprüchen genügt. Er muss den Zugang zum Breitbandnetz, dessen sicheren Betrieb und seine fortlaufende Anpassung und Erweiterung gewährleisten. Gleichzeitig muss die Frage beantwortet werden, wie unter Wahrung der notwendigen Netzneutralität die Finanzierung künftiger Ausbaustufen erfolgt und inwieweit eine Beteiligung derjenigen Unternehmen denkbar ist, deren Geschäftsmodelle darauf basieren.

Von zentraler Bedeutung für den Industriestandort Bayern sind darüber hinaus die Verfügbarkeit und Preisentwicklung von Energie und Ressourcen.

Die sichere und umweltverträgliche Energieversorgung zu wettbewerbsfähigen Preisen ist eine unverzichtbare Grundlage für wirtschaftlichen Erfolg und Lebensqualität in unserem Land. Das gilt in besonderem Maße für die Bereitstellung von elektrischem Strom. Die Stromversorgung ist vom Umbau der Energiesysteme im Rahmen der Energiewende primär betroffen.

Deutschland und Bayern verfügen nach wie vor über eine hohe Versorgungssicherheit. Für die bayerische Wirtschaft mit ihrem großen Industrieanteil, insbesondere für die Standortentscheidungen ausländischer Investoren in Bayern, hat Versorgungssicherheit oberste Priorität. Abstriche hätten fatale Folgen für den Wirtschaftsstandort Bayern.

Die Stilllegung der Kernkraftwerke in Bayern führt in den nächsten Jahren zu erheblichen Defiziten: Wir verlieren dadurch bis 2023 40 Prozent der gesicherten Leistung. Bis Ende 2017 ist die Versorgung gesichert und kann auch bis Anfang des nächsten Jahrzehnts durch ein neues Strommarktdesign bzw. eine Verordnung zur Kapazitäts- und Netzreserve gewährleistet werden. Die langfristigen Weichenstellungen müssen jetzt unmittelbar getroffen werden und dulden keinerlei Aufschub.

Um bei wachsendem Anteil erneuerbarer Energien die Versorgungssicherheit zu gewährleisten, ist ein verstärkter Stromaustausch notwendig. Das gilt vor allem von Nord nach Süd und umgekehrt. Das vorhandene Stromnetz muss so ertüchtigt werden, dass es den veränderten Transportbedarf erfüllen kann. Als flankierende Sicherheitsmaßnahme und zur Netzstabilisierung sind Gaskraftwerke notwendig, ebenso wie die Entwicklung kapazitätsstarker Energiespeichertechnologien.

Die Strompreise in Deutschland haben sich dramatisch entwickelt. Industriestrom, der nicht unter die Befreiung von der EEG-Umlage fällt, ist nach Zypern, Malta und Italien in Deutschland am teuersten. Die deutsche Industrie bezahlt für Strom im Mittel 50 Prozent mehr als in Frankreich und weit über das Doppelte der Unternehmen in den USA. Hauptkostentreiber ist unverändert das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Der Strompreis muss gedeckelt und mittelfristig auf das Niveau vergleichbarer Industriestaaten gesenkt werden.

Gegenwärtig sind die Preise für fossile Energieträger, vor allem aufgrund der massiven Ausweitung der Förderung von Erdgas und Erdöl in den Vereinigten Staaten durch Fracking, vergleichsweise niedrig. Mittel- und langfristig wird der wachsende Energiebedarf der heutigen Entwicklungs- und Schwellenländer dazu führen, dass der globale Energieverbrauch ebenso wie das Preisniveau für fossile Energien deutlich steigt.

Nach Einschätzung des World Energy Outlook ist davon auszugehen, dass auch im Jahr 2035 noch rund drei Viertel des weltweiten Energiebedarfs durch fossile Energieträger gedeckt werden. In Deutschland vollzieht sich der Ausbau der erneuerbaren Energien im Zuge der Energiewende wesentlich schneller. Neben dem beschlossenen Ausstieg aus der nuklearen Energieerzeugung bis 2022 ist ein deutliches Zurückfahren der Energieerzeugung aus Kohle absehbar. Die Energiewende muss so gestaltet werden, dass die zuverlässige Energieversorgung für den Industriestandort Bayern gewährleistet ist. Unternehmensbelange, Versorgungssicherheit und Umweltschutz müssen im Einklang bleiben.

Auch die künftige Versorgung mit nicht-energetischen Rohstoffen hat große Bedeutung für den Produktionsstandort Bayern. Die Weiterentwicklung von Zukunftstechnologien, beispielsweise in den Bereichen Informations- und Kommunikationstechnik, im Fahrzeugbau, im Maschinenbau oder der Medizintechnik, sowie der beschleunigte Wandel der Entwicklungs- und Schwellenländer zu Industrieländern lässt den Bedarf an Rohstoffen stark ansteigen. Dazu gehören sowohl Massenmetalle für Infrastruktur, Bauwirtschaft und Industrie als auch Materialien wie Halbmetalle, Halbleiter, Edelmetalle, Seltene Erden und zunehmend biologische (landwirtschaftlich produzierte) Rohstoffe.

Sowohl bei der Infrastruktur als auch bei der Versorgung mit Energie und Rohstoffen sind Sicherheitsfragen, insbesondere im Bereich IT-Security, von zentraler Bedeutung.

Voraussetzungen sind in ganz Bayern wohnortnahe qualifizierte Infrastrukturen zur Grundversorgung im Gesundheitswesen, ausreichende Infrastrukturen zur Betreuung von Kindern wie auch pflegebedürftiger Familienangehöriger vor Ort, erreichbare Bildungs- und Weiterbildungsangebote sowie neben den Einrichtungen der Spitzenforschung auch auf die regionale Unternehmensstruktur zugeschnittene, gut vernetzte öffentliche Forschungsinfrastrukturen in allen Landesteilen.

2
Empfehlungen Technologietransfer / Kooperation
Empfehlungen Technologietransfer / Kooperation
Austausch und Vernetzung als Erfolgsfaktoren der Zukunft

Die traditionellen Grenzen zwischen einzelnen Branchen und Technologiefeldern lösen sich zunehmend auf. Dem Technologietransfer und der Kooperation zwischen ursprünglich fremden Bereichen kommt eine maßgebliche Bedeutung für den Erhalt der Technologieführerschaft zu.

02.1
Schnittstellen für den systematischen Austausch

Schnittstellen für den systematischen Austausch

Neue Akteure müssen in künftige Innovationsprozesse integriert werden. An Schnittstellen kommt es auf den systematischen Wissens- und Erfahrungsaustausch an, um die Entwicklung von Querschnitts- und Integrationstechnologien voranzutreiben. Leitbild für einen solchen Austausch muss eine technologieoffene Zielorientierung sein.

Die heutigen Förderstrukturen sind stark sektoral organisiert; sie nehmen eine Trennung entlang der klassischen Einteilung in Branchen und Technologien vor. Die Aufgabe von Politik und Wirtschaft ist es, die Infrastruktur für einen anwendungs- und problemorientierten Austausch bereitzustellen. Die in der Vergangenheit erfolgreiche Cluster-Offensive des Freistaats muss jetzt weiterentwickelt werden.

Das Ziel muss in einer echten Vernetzung liegen, d. h. dem Zusammenbringen der Wissensträger und Entscheider aus verschiedenen Branchen und Technologiefeldern. Entsprechend sind Cross-Cluster-Aktivitäten häufiger und effizienter zu initiieren, da Innovationen oft an den Schnittstellen zwischen Branchen und Technologiefeldern entstehen. Dachorganisationen oder Geschäftsstellen sind dafür nicht erforderlich.

Organisatorisch müssen die Cluster

– entsprechend der Förderrichtlinien (Bund bzw. EU) aufgestellt sein;

– ihr Marketing mit den beteiligten Unternehmen sowie den Wirtschafts-und Wissenschaftsorganisationen koordinieren; 

– nachweislich effizient arbeiten.

Es empfiehlt sich die stärkere Bindung der Akteure an die Cluster durch Institutionalisierung derjenigen Cluster, die heute noch informell organisiert sind, etwa über Vereinsstrukturen. Die neuen Cluster müssen auf dem Erfolg bisheriger Instrumente, wie der Exzellenzcluster zur Profilierung von Universitäten und der Spitzencluster zur regionalen Vernetzung von Universitäten und außeruniversitären Einrichtungen, aufsetzen und sie leistungs- und verwertungsorientiert weiterentwickeln.

Es gilt die gesamte Wertschöpfungskette von Beschaffung über Produktion bis hin zum Marketing, Vertrieb und Service abzudecken. Als Vorbild kann das erfolgreiche Chemie-Cluster dienen: Es erschließt versteckte Märkte sowohl auf vertikaler Ebene (chemische Vorprodukte oder Dienstleistungen, die auch an Abnehmer aus anderen Branchen verkauft werden können) als auch auf horizontaler Ebene (chemische Aufwertung industrieller Endprodukte, etwa durch neue Beschichtungen).

Der Wissenschaft kommt dabei eine entscheidende Bedeutung zu. Auf der Entwicklungsebene soll die wissenschaftliche (universitäre und außeruniversitäre) Forschung eine Vordenkerrolle übernehmen, welche Auswirkungen beispielsweise die Digitalisierung auf einzelne Technologiefelder hat.
Dabei muss das Denken in traditionellen Fakultäts-, Branchen- und Technologiegrenzen aufgebrochen werden. Hürden sind abzubauen, die durch die Kulturunterschiede gerade zwischen Unternehmen und Universitäten bestehen und einem Austausch im Wege stehen. Hier sind Staat und Wissenschaft gleichermaßen gefordert, um administrative Hemmnisse zu beseitigen.

02.2
Vernetzte Bildung und Forschung

Vernetzte Bildung und Forschung

Der Bedeutungszuwachs von technologischen und systemischen Schnittstellen erfordert mehr Inter- und Transdisziplinarität sowie Mehrfach-Qualifikationen. Die Berufsmärkte sind volatiler geworden und erfordern deshalb vom Einzelnen größere Themen- und Standortflexibilität als in der Vergangenheit.

Um vernetzte und komplexe Probleme zu bewältigen, muss das Bildungssystem auf Kooperation ausgelegt sein und die Fähigkeit zur Kooperation mit anderen wissenschaftlichen Disziplinen und mit Experten außerhalb des Wissenschaftsbetriebs vermitteln.

Das gelingt nur, wenn eine sektorale Durchlässigkeit erreicht wird. Hierfür muss die Kompatibilität von Bachelor- und Masterstudiengängen aus unterschiedlichen Fachrichtungen ausgebaut werden. So könnte man beispielsweise einen Biotechnologie-Bachelor für ein Masterstudium in Informatik motivieren. Ebenso sind Medizin- und die Ingenieursfächer bereits auf dem Niveau der jeweiligen Studiengänge zur inhaltlichen Vernetzung empfohlen. In die Mediziner-Ausbildung müssen technische Fächer aufgenommen werden; die Ausbildungsordnung der Mediziner (Lernzielkatalog) und die Approbationsordnung für Ärzte sind dringend anpassungsbedürftig. Die Mechatronik mit ihrem Kernziel, intelligente Mechanismen durch bestmögliche Integration von Maschinenbau, Elektrotechnik/Elektronik und Informatik zu schaffen, ist hervorragend geeignet, um Abgrenzungen zwischen klassischen Fakultäten abzubauen.

Interdisziplinarität setzt einerseits die verstärkte Zusammenarbeit über Fakultätsgrenzen hinweg voraus, andererseits ist eine gemeinsame Hochschulstrategie erforderlich. Ausbildungsangebote können vielfach nicht mehr auf einzelne Fakultäten beschränkt werden (z.B. Big Data, Games Engineering). Ein Anreiz für mehr Interdisziplinarität an Hochschulen könnte die Bildung themenbezogener Kooperationsplattformen – auch zwischen Universitäten und Fachhochschulen – für gemeinsame Abschluss- und Promotionsarbeiten sein (System „Verbundpromotion“). Die Grundausbildung (Bachelorphase) muss generalistisch ausgerichtet sein, während die fortgeschrittene Ausbildung (Masterphase bzw. strukturierte Promotion) der Spezialisierung dient. Diesen Ansatz verfolgt der BSc-Studiengang „Ingenieurwissenschaften“ an der TU München, der für zahlreiche vertiefte Ausbildungsoptionen (Masterstudium) anschlussfähig ist.

Die Entwicklungen hin zur Industrie 4.0 und zu Smart Products verstärken die firmenübergreifende Vernetzung von Wertschöpfungsketten. Die frühzeitige, auf die Erfordernisse des Endprodukts zugeschnittene Abstimmung in der Wertschöpfungskette ist oft ein Problem. Dies führt z.B. zu Aufschlägen bei den Qualitätsanforderungen von Einzelkomponenten, die von Zulieferer zu Zulieferer weitergereicht werden und so zu einer Übererfüllung der Erfordernisse und zur Kostensteigerung beitragen. Systemkompetenz wird zum entscheidenden Faktor.

Um derartige Abstimmungsprozesse systematisch zu verbessern und die Grundlagen sowie erforderlichen Kompetenzen wissenschaftlich fundiert zu erarbeiten, ist ein Institut oder Zentrum für „Systems Engineering“ erforderlich; es sollte durch mehrere Fachkompetenzen breit und interdisziplinär aufgestellt sein. Ein ganzheitlicher Ansatz unter Einbeziehung von Arbeitswissenschaften, Betriebswirtschaftslehre, Informatik, Ingenieurwissenschaften, Psychologie, Sozialwissenschaften u.a. fehlt in der bundesdeutschen Hochschullandschaft. Hier sollte Bayern die Vorreiterrolle übernehmen.

Dringlich sind die Förderung von dualen Studiengängen und deren Einführung an Universitäten. Dadurch wird vor allem der lernende Austausch zwischen Wissenschaft und Wirtschaft gestärkt. Empfohlen wird deshalb die Initiative Bayern.Dual, mit Pilotprogrammen, die von Staat und Wirtschaft gemeinsam anschubgefördert werden.

Gründerzentren sind wirksame Bindeglieder zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Sie verstärken das Engagement und Interesse von Studierenden, über die Grenzen ihres akademischen Studiums hinauszuwachsen. Gerade für mittelständische Unternehmen können sich hieraus wertvolle Innovationsanstöße ergeben.

Wir benötigen untereinander vernetzte (digitale) Gründerzentren in allen Regierungsbezirken, die in der Nähe einer oder mehrerer Hochschulen angesiedelt werden, die von Anfang an eng eingebunden werden müssen. Auch die Einbindung der etablierten regionalen Unternehmen und Unternehmensnetzwerke ist sicherzustellen.

Um den Internet- und Medienstandort Bayern international zu stärken, muss ein sichtbarer Kristallisationspunkt geschaffen werden. Dieser benötigt Räumlichkeiten und Infrastruktur zur Professionalisierung und Internationalisierung von Gründern und zur Vernetzung von Teilbranchen, wie z.B. der Medien- und Gamesbranche, und weiteren davon profitierenden Unternehmen.

Entscheidend ist neben der reinen Infrastruktur auch das „Klima“, das den Kontakt zwischen Gründern, mit etablierten Unternehmen, Wissenschaft, Verwaltung, Venture- Capital-Gebern und Wirtschaftsorganisationen fördern muss. Ein wichtiger Mehrwert sind für viele Gründer ein niederschwelliger Zugang und kurze Wege. Vorbild sollten die digitalen Leitregionen und Gründer-Hotspots der Welt sein.

Die Aktivitäten und Unterstützungsangebote für Gründer werden über eine zentrale bayerische Kommunikationsplattform bekannt gemacht.

Um ihre Mitarbeiter gezielt interdisziplinär zu qualifizieren, müssen die Unternehmen auf die Universitäten zugehen. Besonders geeignet sind Forschungssemester für Unternehmensmitarbeiter in der universitären Forschung. Damit es bei den Mitarbeitern nicht zu finanziellen Einbußen kommt, sollte vonseiten der Wirtschaft die Finanzierungslücke zwischen dem regulären Gehalt und der universitären Bezahlung überbrückt werden.

Umgekehrt müssen Hochschullehrer zeitweise (z.B. bis zu 5 Jahre) in die Industrie wechseln können, ohne Nachteile beim Karriereaufstieg und bei der Altersversorgung zu erleiden. Führende Hochschulen Europas, z. B. die ETH Zürich, bieten diese Möglichkeit seit Langem. Das bayerische Hochschullehrergesetz muss entsprechend angepasst werden.

Zu einer echten Innovationskultur gehören förderliche Rahmenbedingungen für Firmenausgründungen aus der Forschung. Im Bereich der Hochschulen sind gründungsaktiven Professoren, wissenschaftlichen Mitarbeitern und Studenten Freisemester zu gewähren. Entrepreneurship-Kurse an Hochschulen dürfen keine Ausnahmeerscheinung bleiben. Ausgründungen gehören in die akademische Leistungsbilanz. Bei Neuberufungen sind unternehmerische Erfahrungen zu berücksichtigen.

Der Wert des geistigen Eigentums ist in der universitären Forschung erheblich unterbewertet. Hier liegt eine der Ursachen für den vielfach mangelhaft ausgeprägten „entrepreneurial spirit“. Diesem Mangel kann durch ein systematisch wirksames Scouting-System entgegengewirkt werden, indem die Wissenschaftler für die unternehmerische Relevanz ihrer Erfindungen sensibilisiert werden, verbunden mit professioneller Hilfestellung bei Patent- und Gebrauchsmuster-Anmeldungen.

Generell sind Maßnahmen zur Etablierung einer Intra- und Entrepreneurship- Kultur bei Mitarbeitern im Forschungssektor sowie bei Hochschulabsolventen umzusetzen. Die Unternehmensgründung als alternativer Karriereweg für wissenschaftliche Mitarbeiter muss gleichwertig positioniert werden neben dem Verbleib am Forschungsinstitut bzw. an der Hochschule oder dem Wechsel in die Industrie. Hier wird Handlungsbedarf im Bayerischen Hochschulgesetz und im Bayerischen Hochschulpersonalgesetz gesehen.

All diese Maßnahmen haben nichts mit dem gelegentlich beschworenen Schreckgespenst „Ökonomisierung der Wissenschaft“ zu tun. Sie haben vielmehr das Ziel, die Innovationskraft der wissenschaftlichen Forschung im wohlverstandenen Interesse der Gesellschaft zu stärken.

Digitales Lernen
Im gesamten Bildungsbereich müssen digitale Technologien als Werkzeuge zur Verfügung stehen. Bildungsinhalte müssen die Digitalisierung aufgreifen und umsetzen.

Dazu müssen Schulen flächendeckend mit der erforderlichen Infrastruktur ausgestattet und auf die Nutzung neuer Technologien eingestellt sein. Lehrmaterialien müssen die Potenziale des heute verfügbaren Wissens voll ausschöpfen, damit den Schülern lebens- und praxisnah die richtigen Kompetenzen vermittelt werden. Die 1:1-Umsetzung heutiger Schulbücher als E-Book genügt nicht. Entscheidend sind die Vernetzung und der jederzeitige Zugriff auf weiterführende Informationen. So ist bei Verlinkungen nicht maßgebend, ob die dahinter liegenden Informationen jederzeit von der Schuldbehörde umfassend kontrolliert werden können – dem Schüler muss vielmehr die Fähigkeit zur kritischen Einordnung und richtigen Nutzung von Daten und Fakten vermittelt werden.

Digitalisierung in Aus- und Weiterbildung
Digitale Kompetenzen müssen zum selbstverständlichen Gegenstand jeder Ausbildung werden – von der Beherrschung gängiger Anwendungen über den sicheren Umgang mit verfügbaren Informations- und Kommunikationskanälen bis zu einem grundlegenden Verständnis von Struktur und Aufbau von IT-Systemen einschließlich der damit verbundenen Sicherheitsfragen. Hinzu kommen spezielle Kenntnisse für die jeweiligen Bereiche, wie etwa Wissen über E-Commerce für den Handel und Vertrieb.

02.3
Forcierung der Kooperationsfähigkeit

Forcierung der Kooperationsfähigkeit

Bei der Entwicklung an den Schnittstellen von etablierten Technologiefeldern müssen neue Akteure systematisch in Innovationsprozesse einbezogen werden.

Bayern ist als exportstarkes Land bereits heute stark globalisiert. Jedes zweite bayerische Unternehmen ist direkt oder indirekt in internationale Wertschöpfungsketten eingebunden. Viele arbeiten auch im Bereich F+E mit internationalen Partnern zusammen. Deshalb dürfen Förderprojekte nicht an der Landesgrenze enden, vielmehr ist auch bei der Förderpolitik eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit erforderlich. Weiterhin ist die Internationalisierung regionaler Innovationscluster anzustreben.

Bundesmittel und EU-Gelder (z.B. KICs, Horizon 2020) müssen gezielt nach Bayern geholt und mit bayerischen Mitteln kombiniert werden. Die Hebelwirkung ist beachtlich und dadurch können zusätzliche bayerische Projekte angeschoben werden. Gerade staatliches Handeln muss sich stärker an diesem Ziel ausrichten. Über die erfolgreichen Aktivitäten der Bayerischen Forschungsallianz hinaus erscheint es dringend geboten, die Akquisition von Großforschungsprojekten (z. B. Knowledge and Innovation Communities (KICs) der Europäischen Union) systematisch zu unterstützen, um im verschärften europäischen Wettbewerb bayerische Erfolgsgeschichten zu begründen. Hierzu bedarf es in der oft mehrjährigen Vorbereitungsphase managementerfahrener Koordinatoren, die diese großen Verbundprojekte im Wissensdreieck „Research – Teaching – Entrepreneurship“ und zwischen Wissenschaft und Wirtschaft auf den Weg bringen.

Insbesondere Gründer und junge Unternehmen müssen bei der Internationalisierung unterstützt werden, zum Beispiel mit Start-up-Unternehmerreisen und Ausbildungsprogrammen.

Zur Förderung der Entwicklung über Branchen- und Technologiegrenzen hinweg ist es erforderlich, die Kooperation zwischen Unternehmen zu stärken und zu vereinfachen. Hilfreich ist hier die Bereitstellung von Services, Informationen und Best-Practice-Beispielen. Gerade bei hoher Technologiereife wird auf Kooperationen oftmals verzichtet, weil die einzelnen Fertigungsschritte nicht im Rahmen gewerblicher Schutzrechte abgesichert werden können. Eine institutionalisierte und längerfristige Zusammenarbeit im Rahmen von Forschungsverbünden kann hier Abhilfe schaffen, auch im Verhältnis zwischen Unternehmen und Hochschulen.

Entscheidend ist, dass Start-ups in die Kooperationsprozesse einbezogen werden. Ein gutes Beispiel ist die Plattform Bits & Pretzels mit rund 2.000 Teilnehmern. Sie trägt einerseits dazu bei, die Sichtbarkeit der bayerischen Gründerszene zu erhöhen, andererseits bietet sie vor allem Start-ups eine Möglichkeit zur Vernetzung mit etablierten Unternehmen. Die Plattform muss daher verstetigt werden. Weitere Netzwerktreffen, auf denen junge Unternehmen ihre Entwicklungen und Ideen vorstellen, Kontakte knüpfen und Kooperationen anbahnen können, müssen folgen.

Kooperationen bieten sich – auch mit Unterstützung des Staates – im Bereich des Handels an. Beispiele sind die Erhöhung der Online-Sichtbarkeit von Kleinstunternehmen durch Beteiligung an Werbegemeinschaften und Heranführung an E-Commerce-Marktplätze oder die Heranführung von Händlerzusammenschlüssen mittelständischer Unternehmen auf lokaler Ebene an den E-Commerce.

Innovationsprozesse bei großen Organisationen stoßen nicht selten auf organisationsimmanente Trägheit und Routinen. Um auf immer schneller getaktete Herausforderungen wirksam reagieren zu können, müssen die Innovationsprozesse schneller und flexibler werden.

Entsprechend muss die Vernetzung der Forschungs- und Innovationsaktivitäten von Groß- und Kleinunternehmen intensiviert werden. Dabei werden Organisationseigenschaften kombiniert: Kleinunternehmen können ihre Vorteile als schnelle und flexible Akteure einbringen, Großunternehmen hingegen ihre Beständigkeit und (finanzielles) Durchhaltevermögen. Dadurch entsteht eine dynamische Entwicklungs- und Erprobungslandschaft für innovative Ideen.

Entscheidend ist die gezielte staatliche Förderung von Verbundprojekten zwischen Groß- und Kleinunternehmen. Erforderlich ist hier nicht nur die Förderung von Neuprojekten, sondern auch die von Innovationen im Rahmen bestehender regionalen Wertschöpfungsketten. Hier kann auf eine bewährte, vertrauensvolle Zusammenarbeit aufgebaut werden.

Für mittelständische Unternehmen ist ein stärkerer Input aus universitärer und außeruniversitärer Forschung von großem Wert. Als Best-Practice-Beispiel ist das Kompetenzzentrum Mittelstand (KME) der Technischen Universität München und des vbm zu werten. Bundesweit würde Bayern eine Vorreiterrolle einnehmen, wenn an geeigneten Universitätsstandorten staatlicherseits Forschungsgebäude errichtet würden, in denen die Kooperationsforschung mittelständischer Unternehmen mit Universitäten und Fachhochschulen sowie außeruniversitären Forschungseinrichtungen erfolgt. Solche Zentren wären ideal für Verbundpromotionen geeignet, wie sie in Bayern derzeit zwischen den beiden Hochschularten entwickelt werden. Ferner ist die Kooperationsfähigkeit, z. B. mit Musterverträgen für die Zusammenarbeit von Universität und Unternehmen, zu erleichtern.

Die Weiterentwicklung der Wissenschaftslandschaft in Deutschland wird über einen Wettbewerb der Standorte um Exzellenz und Innovationskraft erfolgen. Zukünftig werden die Wissenschaftsregionen gewinnen, denen es gelingt, integrierte Standortkonzepte neuer Qualität zu entwickeln und gemeinsam mit Wissenschaft, Wirtschaft und Politik nachhaltig umzusetzen.

Integrierte Standortkonzepte neuer Qualität zeichnen sich durch folgende Merkmale und Ziele aus:

– Sie überzeugen durch ein thematisches Profil mit Alleinstellung auf nationaler und europäischer Ebene.

– Sie verbinden exzellente Forschung und Lehre, Aus- und Weiterbildung, Transfer und wirtschaftliche Aktivitäten zu einem leistungsfähigen Innovationssystem mit regionaler, nationaler und europäischer Wirkung und internationaler Ausstrahlung.

– Sie beziehen die relevanten Akteure aus Wissenschaft (Universitäten, Fachhochschulen, außeruniversitäre Forschungsinstitute), Wirtschaft (KMU, Großunternehmen und Verbände) und Politik ein.

– Sie haben als regionale Anker und Kern eine leistungsfähige Wissenschaftseinrichtung, lassen themenspezifische, aber auch transregionale Abstrahleffekte mit vernetzten Standorten zu.

– Sie fördern die interdisziplinäre, transdisziplinäre und branchenübergreifende Zusammenarbeit.

– Sie stärken die Innovationskraft insbesondere kleiner und mittlerer Unternehmen.

Für Forschungs- und Entwicklungsprozesse und Erprobungen existieren bereits umfangreiche Angebote, wie z.B. Living Labs. Allerdings werden diese zum Teil ungenügend genutzt. Es besteht Handlungsbedarf beim Abbau von Nutzungshürden und bei der Steigerung der Bekanntheit bestehender Angebote.

Für Unternehmen im ländlichen Raum sind die Ideen und die Expertisen aus der Universität nicht so schnell und einfach zugänglich. Mit Unterstützung der Wirtschaftsorganisationen könnten Thementage und Partnering Events der Hochschulen gezielt außerhalb von Zentren durchgeführt werden. So werden bestehende Angebote bekannt gemacht und verbessert.

Eine moderner Ansatz für die Kooperation zwischen Unternehmen und Universitäten sind Innovation Labs. Sie beschäftigen sich interdisziplinär mit innovativen Fragestellungen, um diese in der Vorproduktentwicklung oder in Demonstratoren umzusetzen. Die Ergebnisse aus Innovation Labs fließen in die beteiligten Unternehmen, können aber auch als Grundlage für Firmengründungen genutzt werden.

Im Gegensatz zu bestehenden Gründerzentren, die primär Start-ups unterstützen, zielen Innovation Labs auf die Erarbeitung von Ideen für bestehende Unternehmen oder kommende Gründungen ab. Beispiel sind das Innovation Lab der Metropolregion Rhein-Neckar in Heidelberg und der neue MakerSpace von UnternehmerTUM. Es müssen weitere Innovation Labs in Bayern entstehen.

3
Empfehlungen zu Inkubatoren, Demonstratoren, Finanzierung
Empfehlungen zu Inkubatoren, Demonstratoren, Finanzierung
Gezielte Förderung sichert die Technologieführerschaft bayerischer Unternehmen 

Für eine erfolgreiche Innovations- und Gründungspolitik ist entscheidend, dass innovative Unternehmen von ihrer Gründung über die Produktentwicklung bis hin zur Marktreife bis zur nächsten Wachstumsphase die passenden Rahmenbedingungen vorfinden. Entscheidend sind Geschwindigkeit, Kapital, strategische Mechanismen und Datenbanken sowie Netzwerke zu den regionalen Aktivitäten.

03.1
Aus- und Neugründungen

Aus- und Neugründungen

Revolutionär neue Technologien haben ihren Ursprung häufig in neu gegründeten Unternehmen. Daher muss der seit Jahren rückläufige Trend im deutschen Gründungsgeschehen gedreht werden. Um im Wettbewerb um die führenden Technologien der Zukunft bestehen zu können, bedarf es einer Anpassung der Rahmenbedingungen und einer möglichst unbürokratischen Unterstützung von Unternehmensgründungen. Gesetzliche Auflagen und Verwaltungsanforderungen sind auf ein Minimum zu begrenzen. Eine hohe Gründungsintensität beschleunigt den effizienten Transfer von Ideen aus der Wissenschaft in marktfähige Produkte. Unternehmerisches Denken und Handeln muss in die Hochschulen einziehen und deren akademischen Auftrag ergänzen.

Unternehmensgründungen werden durch direkte Unterstützung wesentlich vereinfacht. Diese umfasst Mentoren, Business Angels, engagierte Professoren und Studenten sowie Unternehmen. Wichtig sind vor allem einfache und transparente Strukturen, Entbürokratisierung sowie die Etablierung von einheitlichen Ansprechpartnern (One Stop Agency) und Förderlotsen. Über die Erweiterung bestehender Angebote, wie z.B. Unternehmer-TUM, können mehr mittelständische Unternehmen erreicht und aktiviert werden.

Die Business-Angel- und Finanzierungs-Netzwerke müssen durch Gewinnung neuer Investoren zusammengeführt und verstärkt werden. Jungen Unternehmen müssen in Netzwerke und Verbundprojekte eingebunden werden, um einen intensiven fachlichen Erfahrungsaustausch zu gewährleisten.

Eine Herausforderung sind das in Deutschland allgemein schwach ausgeprägte Gründungsklima und die Angst vor dem Stigma des unternehmerischen Scheiterns. Der unternehmerische Spirit, zum Beispiel an Universitäten, bedarf einer massiven, gezielten Förderung. Die wirtschaftliche Zielsetzung darf im Umfeld der universitären Forschung kein Tabu sein.

Nur eine breite Unternehmer- und Gründungskampagne kann zu einer Bewusstseinsänderung führen. In diese müssen Informations- und Karrieremessen an Hochschulen, zu denen speziell Start-up-Unternehmen eingeladen werden, ebenso integriert werden wie Thementage des Mittelstands an den Hochschulen oder beispielhafte Projekte und Wettbewerbe für Gründungen, wie z.B. 5-Euro-Business.

Regionale Initiativen, wie die Auslobung von Gründerpreisen durch etablierte Unternehmen, sind ein weiterer Baustein und können Vorbildcharakter haben.

03.2
Finanzierungsmög­lich­­keiten verbessern

Finanzierungsmöglichkeiten verbessern

Zu viele Innovationen scheitern noch an der Finanzierung. Deshalb wandern sie noch zu häufig aus Bayern aus.

Die bayerischen Förderquoten und -volumina sind ausbaufähig. Gerade bei besonders innovativen, möglicherweise disruptiven Entwicklungen sind hohe Förderquoten von regelmäßig mindestens 40 Prozent erforderlich, aber auch die Übernahme oder Absicherung bestimmter Teilrisiken.

Aufgabe der Politik ist es auch, sich in noch größerem Maße für die Vergabe von Bundes- und EU-Mitteln nach Bayern einzusetzen, auch durch Unterstützung bei der Antragstellung, und eine entsprechende Ko-Finanzierung gezielt sicherzustellen.

Die Abwicklung der Verfahren muss vereinfacht, transparent gestaltet und beschleunigt werden: Von der Antragstellung mit vollständigen Unterlagen bis zur Entscheidung über den Förderantrag dürfen in der Regel nicht mehr als drei Monate vergehen.

Besonders für in kaufmännischen Dingen oft unerfahrene Unternehmensgründer sind kompetente Ansprechpartner und transparente Finanzierungssysteme entscheidend für den Gründungserfolg. Hierzu gehört eine aktive Kommunikation von Förderprogrammen und Förderinhalten.

Um der Vernetzung Rechnung zu tragen, muss Technologieförderung gerade auch die Schnittstellen zwischen Technologien erfassen. Starre Begrenzungen durch Programme sind daher aufzugeben.

Dafür empfiehlt sich ein einheitlicher Programmtypus im Sinne einer missionsorientierten, problemzentrierten Förderung. Zumindest muss ein technologieübergreifendes Basisprogramm alle Vernetzungen zwischen den Technologien abbilden.

Gleichzeitig verbietet sich auch eine strikte Trennung nach Branchen, damit neuen Geschäftsmodellen Rechnung getragen wird und Wertschöpfungsketten vollständig abgebildet werden können.

Der internationale Vergleich zeigt, dass in Deutschland die Finanzierung von technologieorientierten Unternehmen in der Gründungs- und Wachstumsphase durch Beteiligungskapitalgesellschaften unzureichend entwickelt ist. Da in den USA 50-mal so viel Wagniskapital zur Verfügung steht wie in Deutschland, können dort potenziell disruptive Technologien in viel größerem Umfang und erheblich rascher entwickelt werden. Der Ausbau der Verfügbarkeit von Risikokapital ist daher eine elementare Notwendigkeit bei der Umsetzung von innovativer Technologie in unternehmerisches Handeln.

In Bayern gibt es mit Bayern Kapital und LfA bewährte Institutionen, bei denen Gründer sowohl Hilfe bei der Finanzierung als auch Unterstützung mit betriebswirtschaftlichem Know-how erhalten. Dort gibt es auch Beteiligungsprogramme für den IT-Bereich sowie Finanzierungen, die speziell auf Vorhaben mit erheblichen technischen und wirtschaftlichen Risiken zugeschnitten sind. Trotzdem erscheint vielen Start-ups der „Szeneplatz“ Berlin attraktiver. Daraus lässt sich ableiten, dass neben Umfeldfaktoren auch die Sichtbarkeit des vorhandenen Angebots sowie einer einheitlichen Anlaufstelle entscheidend sind.

Nachdem im Bereich Digitalisierung / IT ein Nachholbedarf in Bayern besteht, der sich über Branchen und Technologien erstreckt, ist speziell für Gründer aus dem Bereich IT ein einheitlicher Ansprechpartner („Digitalisierungslotse“) für Bayern Kapital und LfA einzusetzen. Dieser muss zu den bestehenden Förderprogrammen und Finanzierungsoptionen beraten sowie Kontakte in das entsprechende wirtschaftliche und wissenschaftliche Umfeld vermitteln.

Darüber hinaus sind die steuerlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen für Wagniskapital in Deutschland zu verbessern, zum Beispiel bei der Mobilisierung von Venture Capital für Wachstums- bzw. Anschlussfinanzierungen. Das Later-Stage-Funding liegt in den USA mit ca. 12 Mrd. Euro rund 30-mal so hoch wie in Deutschland. Das hohe Risiko bei Investitionen von Venture-Capital-Fonds in Unternehmensgründungen kann durch Gewährung steuerlicher Anreize ausgeglichen werden.

03.3
Experimentierfeld für Organisations- und Kooperationsmodelle 

Experimentierfeld für Organisations- und Kooperationsmodelle 

Innovationen entstehen durch Offenheit, Kreativität, unkonventionelle Denkansätze und aus mutigen Experimenten. Eine Voraussetzung für diese geistige Freiheit ist allerdings auch die Abwesenheit von finanziellem Druck. Deshalb müssen die Förderstrukturen und -bedingungen so geöffnet werden, dass sie die „Improvisationsfreude“ in Wissenschaft, Forschung und Entwicklung beflügeln. Stark ausbaubedürftig sind Sonderförderprogramme für besonders innovative, aber auch riskante Forschungs- und Entwicklungsvorhaben („high risk, high reward“), vorzugsweise interdisziplinär und an den Schnittstellen der Technologiefelder. Die Möglichkeit eines Fehlschlages soll dabei bewusst in Kauf genommen werden, was sich auch in den Förderrichtlinien niederschlagen muss.

Derartige Sonderförderprogramme können in bestehende Systeme der Forschungsfinanzierung, wie z.B. die Deutsche Forschungsgemeinschaft, integriert werden. Auch Innovation Labs bieten sich zur Umsetzung von „riskanten“ Experimenten an.

03.4
„Valley of Death“ überwinden

„Valley of Death“ überwinden

Die Grundlagenforschung ist oft sehr gut durch öffentliche Mittel abgedeckt, während die Fördermöglichkeiten mit zunehmender Marktreife abnehmen. An dieser Stelle wird vom „Valley of Death“ gesprochen, wenn vor allem kleine und mittlere Unternehmen oder Ausgründungen die Eigenfinanzierung nicht aufbringen können.

Das trifft auch auf die Hochschulen zu, nachdem sie sich – vor allem kraft des Inputs aus der öffentlich finanzierten Forschung – an Ausgründungen beteiligt haben: Mangels Kapital können sie Finanzierungsrunden nicht stemmen, was eine stufenweise reduzierte Unternehmensbeteiligung nach sich zieht. Um den Ausgründungserfolg auszuschöpfen, müssen also auch die Hochschulen bedarfsgerecht mit Kapital ausgestattet werden.

Besonders problematisch ist die Finanzierung der letzten Entwicklungsschritte bis zur Marktreife. Nicht zuletzt scheitern neue Technologien an der Massenfertigung. Die Aufnahme von Fremdkapital, beispielsweise in Form von Bankkrediten, gestaltet sich schwierig, da Banken oftmals nicht die Erfolgsaussichten beurteilen können.

Es müssen gezielt die Fördermöglichkeiten für die letzten Entwicklungsschritte und die Markteinführung mit staatlicher Hilfe erweitert werden. Zudem sollte die Förderung von Basistechnologien stärker mit Anwendungen verknüpft werden. Auch anwendungsnahe Demonstratoren und Schaufensterprojekte sind – ggf. in Abstimmung mit weiteren Akteuren – zu fördern. Diese Maßnahmen stellen sicher, dass nicht nur die Entwicklung, sondern auch die sich an die erfolgreiche Markteinführung anschließende Wertschöpfung in Bayern stattfindet.

Insbesondere staatliche Organisationen können über ihre Auftragsvergabe gezielt Innovationsprozesse fördern. Während die USA von diesem Instrument („public procurement for innovation“) in erheblichem Umfang Gebrauch machen, wird es in Europa bislang in kaum einem Land genutzt.

Um die Einbindung junger Unternehmen (Ausgründungen, Start-ups) zu ermöglichen, müssen die Vergaberichtlinien angepasst werden, z.B. Anforderungen an Liquidität und das Vorliegen von Jahresabschlüssen.

Auch Großunternehmen können innovierende kleine und mittelständische Unternehmen durch gezielte Auftragsvergabe unter dem Aspekt „vom Prototyping zum Produkt“ unterstützen.

03.5
Mit Leuchtturm-Initiativen komplette Wertschöpfungsnetz-­werke fördern

Mit Leuchtturm-Initiativen komplette Wertschöpfungsnetzwerke fördern

Mit gezielten Leuchtturm-Projekten,die sich auf eine bestimmte Anwendung, vor allem aber auf ein zu lösendes Problem fokussieren, müssen komplette Wertschöpfungsnetzwerke gefördert werden. Ein konkretes Beispiel ist der Bereich der Assistenzrobotik. Vorgeschlagen wird beispielsweise eine Leuchtturm-Initiative Assistenzrobotik, in die unter Koordination des international führenden DLR-Robotik-Zentrums neben seinen Spin-off-Start-ups die einschlägigen TUM-Institute bzw. An-Institute wie FORTISS und die Institute der Fraunhofer-Gesellschaft eingebunden sind, bayerische Unternehmen (Raumfahrt-Spezialisten, Industrieroboterhersteller, Elektronik-Ausrüster) und bayerische Kliniken sowie Pflege-Einrichtungen. Der Finanzbedarf einer auf 5 Jahre angelegten wirksamen Initiative liegt bei jährlich ca. 10 Mio. Euro, d. h. insgesamt bei 50 Mio. Euro.

03.6
Gründer an Bayern binden 

Gründer an Bayern binden 

Junge Unternehmen müssen auch nach der Markteinführung in Bayern wachsen können, um die Wertschöpfung langfristig im Freistaat zu realisieren. Heute ist vielfach zu beobachten, dass strategische Einkäufer aus dem Ausland gezielt Start-ups einkaufen, vor allem aus dem leicht skalierbaren IKT-Bereich. Dadurch verlagern sich abrupt Wertschöpfung und Wachstum.

Die Übernahme von und die Beteiligung an Start-ups durch einheimische Unternehmen muss unterstützt werden, um die strategischen und wirtschaftlichen Potenziale auszuschöpfen. Dazu müssen potenzielle Erwerber (Unternehmen, Fonds, institutionelle Anleger) und junge Unternehmen zusammengebracht werden. Empfehlenswert sind die beiden folgenden Maßnahmen:

– Aufbau einer Plattform, auf der sich junge Unternehmen präsentieren können. Diese Plattform ist z.B. bei Bayern Innovativ oder der LfA anzusiedeln und über Hochschulen, außeruniversitäre Forschungseinrichtungen und Wirtschaftsorganisationen zu bewerben. Hierzu kann für den Bereich Digitalisierung auf die bestehende Plattform Bits & Pretzels aufgebaut werden.

– Unterstützung etablierter Unternehmen bei der Suche nach geeigneten Kooperationspartnern oder Übernahmekandidaten unter den jungen Unternehmen. Gerade im Mittelstand fehlt es an „Scouts“, die gezielt und rechtzeitig Start-ups aufspüren. Beratung und Best-Practice-Beispiele sind erforderlich. Größere, vor allem internationale Unternehmen verfügen teilweise bereits über Scouts, deren Arbeit einen Teil der eigenen Entwicklung ersetzt. Für den breiteren Einsatz des sog. strategischen Scoutings ist eine bedarfsgerechte Förderung vorzusehen.

03.7
Förderung von Demonstratoren

Förderung von Demonstratoren

Förderfähig müssen künftig auch Demonstratoren mit außerhalb von Bayern entwickelten Technologien sein, wenn diese mit der Entwicklung neuer Anwendungspotenziale in Bayern korrespondieren. Solche Demonstrationsvorhaben sind sinnvoll, um den Nutzen in der Praxis zu zeigen und Ansätze für die Weiterentwicklung und Optimierung zu finden. Hinzu kommt die Verfügbarkeit von Basis-Patenten.

03.8
Bayerische Technologieförderung auf dem Prüfstand

Bayerische Technologieförderung auf dem Prüfstand

Die Bayerische Staatsregierung will ihre Technologieförderung im Lichte der Erkenntnisse des Zukunftsrats auf den Prüfstand stellen und extern evaluieren lassen. Diese Überprüfung erfolgt unter Berücksichtigung der bisherigen Empfehlungen des Zukunftsrats.

Der Zukunftsrat empfiehlt, die Evaluierung sofort in Gang zu setzen. Er wird die Ergebnisse der Evaluierung erörtern und weitere Empfehlungen machen. Die Bayerische Staatsregierung beabsichtigt, darauf aufbauend die Technologieförderung neu aufzustellen.

03.9
Anpassung von rechtlichen Rahmenbedingungen

Anpassung von rechtlichen Rahmenbedingungen

Die rechtlichen Rahmenbedingungen drohen zunehmend von den technologischen Entwicklungen überholt zu werden. Ziel muss es sein, gesetzliche Rahmenbedingungen zu schaffen, die den Weg für die praktische Umsetzung neuer Technologien freimachen und damit die Anwendung in Deutschland und Bayern fördern.

Die gesetzlichen Rahmenbedingungen sind besonders im Bereich der Informations- und Telekommunikationstechnologien bereits heute nicht ausreichend an bestehende und auch tatsächlich genutzte technische Möglichkeiten angepasst. Deutlich wird dies z. B. beim mobilen Arbeiten und bei der Datensicherheit. Hier sind auch im Sinne der Arbeitnehmer die Flexibilitätspotenziale voll auszuschöpfen.

Dringend geboten ist eine kritische Analyse von rechtlichen Hürden für technologische Entwicklungen. Dies betrifft Haftungsthemen, Zulassungsvoraussetzungen und -genehmigungen. Neue Anwendungen (z.B. autonomes Fahren, Drohnen) benötigen dringend einen rechtlichen Rahmen, um die weitere Entwicklung und Verbreitung der Technologien zu ermöglichen. Durch eine rasche und vorausschauende Gesetzgebung kann Deutschland eine Vorreiterrolle bei der marktwirtschaftlichen Umsetzung solcher Aufbruchstechnologien einnehmen.

Die Entwicklungen in den Life Sciences stellen die Gesellschaft vor neue ethische Herausforderungen, auf die vom Gesetzgeber angemessene Antworten erwartet werden. Dabei müssen die Forschungs- und Anwendungsfreiheit mit dem Verbraucherschutz und ethischen Erwägungen ins Gleichgewicht gebracht werden.

Die notwendigen Anpassungen der Rahmenbedingungen können nur begrenzt von regionalen Akteuren oder auf Landesebene umgesetzt werden. Um Bayern für die bestehenden und kommenden Herausforderungen zu rüsten, sind entsprechende Maßnahmen zum Agenda-Setting auf Ebene des Bundes und der EU anzuregen. Zur Vorbereitung einer bayerischen Position sind zu besonders relevanten Schlüsseltechnologien Expertengruppen mit Vertretern aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik einzusetzen.

03.10
Steuerliche Forschungsförderung

Steuerliche Forschungsförderung

In Deutschland ist – ergänzend zu den bestehenden Fördermöglichkeiten für Einzel- und Verbundvorhaben – eine steuerliche Forschungsförderung vorzusehen, wie sie in den meisten EU-Staaten und in mehr als zwei Dritteln der OECD-Staaten längst existiert: Unternehmen müssen größenunabhängig zehn Prozent ihrer F+E Investitionen von der Steuerschuld abziehen können („tax credit“).

Besonders für den Mittelstand ist diese Maßnahme innovationsfördernd. Für die wirkungsvolle Umsetzung einer steuerlichen F+E Förderung ist entscheidend, dass Unternehmen auch nach außen vergebene Forschungsaufträge steuerlich in vollem Umfang geltend machen können.

4
Strategische Handlungs­empfehlungen
Strategische Handlungsempfehlungen
Technologieführerschaft für die Zukunft sichern

Um Bayern für die Zukunft zu rüsten, müssen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft die Weichen richtig stellen und zusammenwirken. Nur gemeinsam ist der Erfolg in einer technologiegetriebenen Wirtschaft möglich. Das betrifft grundsätzliche Strategien ebenso wie konkrete Einzelmaßnahmen.

04.1
Stärken stärken

Stärken stärken

Wie in fast allen Volkswirtschaften hat sich auch in Bayern in den vergangenen 20 Jahren die Spezialisierung auf solche Bereiche verstärkt, in denen bereits ein komparativer Vorteil besteht. Für die bayerische Industrie sind der Kraftwagenbau und der Maschinenbau bei der Produktion und Ausfuhr sowie Forschung und Entwicklung die mit Abstand wichtigsten Einzelbranchen. Global sind diese die größten Exportbranchen und sichern derzeit Bayerns wirtschaftlichen Erfolg. Deshalb müssen Kraftwagen- und Maschinenbau in jedem Zukunftskonzept der bayerischen Wirtschaft eine tragende Rolle spielen. Vorhandenen Stärken sind systematisch auszubauen und vor allem die Chancen der Digitalisierung voll auszuschöpfen.

Über Erweiterungen des Angebots im eigenen Unternehmen oder Kooperationen mit Dienstleistern können Wertschöpfungsketten deutlich verlängert und neue Geschäftsmodelle umgesetzt werden. Heute setzt schon rund ein Viertel der Unternehmen auf hybride Geschäftsmodelle, mit stark steigender Tendenz und messbaren wirtschaftlichen Vorteilen. Ziel muss es sein, ein wettbewerbsfähiges und auf die Kundenbedürfnisse zugeschnittenes Produkt anzubieten, und auch auf Änderungen im Konsumverhalten flexibel reagieren zu können.

So verliert z. B. der persönliche Besitz eines Autos an Bedeutung. Die Erwartungshaltung der Kunden verschiebt sich vom Statussymbol zur bedarfsorientierten und flexiblen Verfügbarkeit. Automobilhersteller wandeln sich zu „Mobilitätsdienstleistern“ und steigen z. B. in den Car-Sharing-Markt ein. Seitens der Unternehmen besteht eine entscheidende Herausforderung darin, Kunden früher und stärker in die neuen Bedarfsprofile einzubinden.

Ein zentraler Anknüpfungspunkt ist die Kombination von Stärkefeldern. Ein Schlüssel zum weiteren Erfolg liegt neben den Innovationen in den einzelnen Technologiefeldern in der Vernetzung von Technologien und ganzen Branchen. Die zunehmende Systemintegration und Vernetzung muss durch Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung konsequent aufgegriffen und unterstützt werden, vor allem zwischen den für Bayern besonders aussichtsreichen Schlüsseltechnologien und -branchen.

Neben der Informations- und Telekommunikationstechnologie prägen auch in Zukunft neue Werkstoffe und Materialien den Kfz- und Maschinenbau. Derzeit steht die Verwendung von Carbon in Mittelpunkt, in Zukunft werden weitere Materialinnovationen Einzug halten. Innovationen entstehen nicht nur in den Bereichen Belastbarkeit oder Gewicht: Neue Entwicklungen der Messtechnik machen „smarte“ Bauteile möglich. Auch die Energieversorgung durch Solarzellen wird zunehmend in die Bauteile integriert.

Es gilt, weitere Ansätze für die Kombination vorhandener Stärkefelder mit kreativen Schnittstellen zu finden, um Innovationen durch Technologietransfer und Kooperation zu fördern. Ein Beispiel sind die kohlenstoffbasierten Hochleistungswerkstoffe; hier hat die Wissenschaft in Bayern ihren Innovationsauftrag für die Wirtschaft verstanden.

Ein weiterer solcher Bereich kann die Assistenzrobotik werden. Sie wird sich zu einer Schlüsseltechnologie der Gesellschaft entwickeln. Auch jenseits des Einsatzes von Robotern in der Produktion oder für Transport und Mobilität entstehen zahlreiche neue Einsatzgebiete. Dazu gehören z.B. die neuen minimalinvasiven Chirurgiesysteme, mechatronisch-robotische Implantate, intelligente Prothesen (z. B. Baukastenprinzip) oder „Personal Assistance“-Roboter, die durch den demografischen Wandel eine besondere Bedeutung erhalten. Damit bringt der Bereich der Mensch- Maschine-Interaktion bzw. -Kooperation umfassenden Forschungsbedarf mit sich, der konzentrierter als bisher abzudecken ist.

Auch die Luft- und Raumfahrttechnologie gehört zu den hochinnovativen Bereichen, in denen der Freistaat auf vorhandene Stärken aufbauen kann.

In Gesundheitswirtschaft und Medizintechnik muss auf der vorhandenen guten Basis vor allem im Bereich Forschung und Entwicklung aufgebaut werden, da deren Bedeutung angesichts des demografischen Wandels konjunkturunabhängig weiter steigt.

04.2
Klumpenrisiko durch Diversifikation auflösen

Klumpenrisiko durch Diversifikation auflösen

Die relative Bedeutung des Automobil- und Maschinenbaus ist in Bayern noch höher als im Bundesdurchschnitt. Durch ihren Erfolg sind sie auch für andere Branchen von großer Wichtigkeit. Mit einer derart starken Schwerpunktsetzung ist ein Klumpenrisiko verbunden: Es besteht das Risiko, dass ein Abschwung in dieser für Bayern zentralen Branche die Gesamtkonjunktur in Mitleidenschaft zieht. So ist der Fahrzeugbau stark konjunkturabhängig, und das Branchenwachstum findet derzeit in nur wenigen Wachstumsregionen statt. Gleichzeitig treten neue Konkurrenten, v.a. aus der IKT-Branche auf, wie bspw. Google und Apple, die mit autonomen Fahrzeugen und eigenen Diensten den Markt revolutionieren wollen.

Die Wirtschaftsförderung muss sich also auch auf die Kompensation von Schwächen und auf Diversifikation fokussieren. Der Bedeutungszuwachs von Technologieschnittstellen bietet daher auch die Chance, bisher unterrepräsentierte Branchen und Technologien auszubauen. Besonderer Handlungsbedarf besteht in den Bereichen IKT und Digitalisierung, intelligenter Verkehr und Mobilität sowie bei der Luft- und Raumfahrt. Ähnlich stellt sich die Situation in den Bereichen Medizintechnik und Gesundheitswirtschaft dar, die stark von der Digitalisierung profitieren können. Zudem muss das Zusammenwachsen der Schlüsseltechnologien etwa bei Nano- /Neue Materialien, Biotechnik und Bioökonomie und IKT gestärkt werden.

04.3
Risiko wagen – Aktive Beteiligung an disruptiven Innovationen

Risiko wagen – Aktive Beteiligung an disruptiven Innovationen

Disruptive Innovationen zerstören herkömmliche Märkte und ersetzen sie durch neue Märkte. Ein Beispiel ist der Übergang von der CD zur Online- Verfügbarkeit von Musik (z.B. Streaming-Dienste), die keine physischen Produktions- und Verkaufsstätten benötigen und dadurch die traditionellen Marktstrukturen der Musikbranche bedeutungslos machen.

Die aktive Beteiligung an disruptiven Innovationen ist wichtig, weil die Veränderungen vor allem die derzeitigen industriellen Stärkefelder und traditionell starke Dienstleistungsbranchen betreffen. So wird beispielsweise im Automobilbau das Element der Telekommunikations- und Informationstechnologien immer wichtiger. Disruptive Innovationen stellen aber auch etwa das Bankenwesen vor große Herausforderungen, wie das Beispiel PayPal zeigt.

Neue Technologien und Geschäftsmodelle sind zunächst eine Chance, selbst wenn sie einen bestehenden Markt tief greifend verändern oder auflösen. Das Risiko ist bei solchen Innovationen, die das Potenzial hätten, den Markt umzukrempeln, naturgemäß besonders hoch, die Chancen aber auch. Diese Erkenntnis muss sich in der Förderpolitik abbilden, also bei Risikoübernahme bzw. Förderquoten von mindestens 40 Prozent.

Um das Potenzial von disruptiven Innovationen zu heben, ist das treffsichere und frühzeitige Erkennen der neuen Technologie und ihrer kommenden Bedeutung entscheidend. Ideen zu neuen technologischen Trends kommen häufig aus jungen und kleinen Unternehmen, für den Erfolg auf dem Massenmarkt (Massendurchdringung, Vertrieb etc.) sind in der Regel Kooperationen mit großen Unternehmen notwendig. Entsprechende Kooperationsformen, zum Beispiel mit Start-ups aus der Wissenschaft, können wiederum durch den Staat unterstützt werden.

04.4
Eigene Entwicklungen, auch auf bestehenden Märkten 

Eigene Entwicklungen, auch auf bestehenden Märkten 

Die bestehende Marktführerschaft anderer darf das eigene Engagement nicht ausschließen, wenn das Wachstumspotenzial der Technologie groß ist. Ein Beispiel sind unbemannte Luftfahrzeuge (Drohnen): Die Produkte der Konkurrenz sind am Markt verfügbar, die Marktführerschaft (Israel, USA und Kanada mit deutlichem Abstand) ist geklärt und Deutschland ist heute abgeschlagen. Es handelt sich aber um einen Zukunftsmarkt, gerade auch für die zivile Nutzung. In vielen Einzelbereichen erarbeiten heimische Unternehmen heute schon Lösungen, die die Wettbewerber einsetzen. Die Wertschöpfung findet derzeit aber hauptsächlich im Ausland statt.

Die Entwicklung, auch der Drohnen, insgesamt im Inland muss gefördert und mit Rahmenbedingungen flankiert werden, die einen Einsatz – beispielsweise für Transportzwecke oder zur Erhebung von Daten aus der Luft in der Landwirtschaft – ermöglichen, ohne unsere hohen Sicherheitsstandards aufweichen zu müssen.

Ein anderes Beispiel ist das Vorantreiben von Projekten wie Galileo, mit denen ein unabhängiger weiterer Zugang zu Daten gesichert werden kann, die beispielsweise für die Entwicklung intelligenter Verkehrssysteme wichtig werden.

04.5
Überkommene Trennungen aufgeben, Vernetzung abbilden

Überkommene Trennungen aufgeben, Vernetzung abbilden

Nicht nur die Zusammenarbeit von Großunternehmen mit kleinen, innovativen Unternehmen sichert die Zukunftsfähigkeit, auch die Kooperation über die klassischen Technologie- und Branchengrenzen hinweg ist notwendig.

Die traditionelle statistische Klassifikation von Branchen und Sektoren bildet die tatsächlichen Wertschöpfungsstrukturen unserer Wirtschaft nicht mehr ab. Die einzelnen Wirtschaftsbereiche sind mittlerweile so stark miteinander vernetzt, dass die bestehenden Sektoren- und Branchendefinitionen ihre Zweckmäßigkeit mehr und mehr verlieren.

Der – bisher sehr erfolgreichen – bayerischen Technologieförderung liegt ein Technologiebild der 90er-Jahre zugrunde. Die Strukturen und technologischen Entwicklungspfade haben sich fundamental geändert. Die Technologieförderprogramme müssen deshalb neu an den aktuellen technologischen und wirtschaftlichen Herausforderungen, vor denen Bayern steht, ausgerichtet werden (vgl. näher Teil B. 04, v. a. 04.8).

Innovationsförderung im weitesten Sinne muss daher grundsätzlich branchen-, sektoren- und technologieübergreifend organisiert werden.

Der gesteigerten Bedeutung von hybrider Wertschöpfung und neuen Geschäftsmodellen muss durch die Bereitstellung von Finanzierungsmodellen, Demonstratoren und Inkubatoren Rechnung getragen werden.

Schlüsseltechnologien müssen zu Handlungsfeldern gebündelt werden:

– Digitalisierung (einschl. Elektronik, Mechatronik, Automation) 

– Energietechnik (einschl. Umwelttechnologie)

– Gesundheit (Biotechnologie, Medizintechnik, Ernährung)

– Materialien (einschl. Chemie, Nanotechnologie)

– Mobilität, Automotive (Luft- und Raumfahrt, Bahntechnik)

Diese Handlungsfelder müssen in einem Systemansatz mit den technologie- politischen Instrumenten vernetzt werden:

– Forschungsinfrastruktur

– Innovationsförderprogramme 

– Cluster

– Gründerförderung

04.6
Anwender von Anfang an mitnehmen, Begeisterung entfachen

Anwender von Anfang an mitnehmen, Begeisterung entfachen

Die öffentliche Meinung bzw. ein innovationsfreundliches gesellschaftliches Klima sind wichtig bei der Verbreitung und dem wirtschaftlichen Erfolg neuer Technologien. Nicht nur die Abwägung von technischen und ökonomischen, sondern auch die der gesellschaftlichen Chancen und Risiken sind für erfolgreiche Innovationsprozesse von Bedeutung.

Zwar lässt sich eine grundlegende Technologieskepsis in der Bevölkerung statistisch nicht belegen, die Nutzung einiger neuer Technologien wird jedoch durch die öffentliche Meinung erheblich behindert. Ein Beispiel hierfür ist die Gentechnik; ähnliche Bedenken bestehen beim Fracking.

Gleichzeitig zeigen andere Beispiele, wie die Nutzung des Internets in seinen verschiedenen Erscheinungsformen oder die Verbreitung von Mobiltelefonen, dass neue Technologien auch in der Breite positiv aufgenommen und dass auch kurze Innovationszyklen nachvollzogen werden, wenn der Anwender für sich einen fassbaren Nutzen in der Technologie erlebt und die Einbettung in den gesellschaftlichen Kontext stimmt.

Deshalb besteht der dringende Bedarf einer umfassenden und abgestimmten Strategie zwischen allen relevanten Akteuren aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft. Der Bevölkerung muss Gelegenheit gegeben werden, sich in Diskussionsprozesse einzubringen und sich an neuen Entwicklungen möglichst frühzeitig zu beteiligen.

Dazu sind Voraussetzungen erforderlich, die es den relevanten Akteuren ermöglichen, sich frühzeitig an diesen Prozessen zu beteiligen. Von großem Nutzen wäre dafür die Förderung von Forschungsprojekten über eine zielgenau wirkende Partizipation und Nutzerintegration bei gesellschaftlich und wirtschaftlich besonders relevanten Fragen. Das gilt vor allem auch für die Umsetzung von Zukunftstechnologien und -projekten. So können die Grundlagen dafür geschaffen werden, dass die bayerische Wirtschaft und Gesellschaft die Herausforderungen der technologischen Entwicklungen als Chance für Wohlstandsentwicklung und Stabilität nutzen.

Gleichzeitig sind Wissenschaft und Wirtschaft gefordert, einerseits Inhalte und möglichen Nutzen von Forschung und Entwicklung zu verdeutlichen und anderseits die Interessen der späteren Anwender möglichst frühzeitig zu berücksichtigen. Für Letzteres ist Open Innovation ein wichtiger Ansatz.

04.7
Potenziale der Digitalisierung und des Internets heben

Potenziale der Digitalisierung und des Internets heben

Die Informations- und Telekommunikationstechnologie nimmt eine Schlüsselstellung für die Entwicklung und die Vernetzung der anderen Technologiebereiche ein. Allerdings ist in wesentlichen Bereichen der IKT die deutsche und bayerische Wirtschaft ohne Bedeutung. Die Hardware und Chip-Produktion, die Produktion von IKT-Geräten für den Massenmarkt und die Softwareentwicklung (mit Ausnahme spezieller Bereiche) sind kaum existent. Dies führt zu einem geringen Einfluss auf die Setzung von Standards und die Definition von Schnittstellen. Trotz der guten Ausgangslage im Bereich des Maschinenbaus und der Produktionstechnologien ist die Abwesenheit relevanter IKT-Akteure ein Risiko für die weitere Entwicklung der bayerischen Schlüsselbranchen. Daher ist die Behebung des Mangels an systemführenden IT-Unternehmen ebenso eine wesentliche Herausforderung wie die Sensibilisierend aller Unternehmen für die Herausforderungen der Digitalisierung. Die bestehende staatliche Unterstützung muss sich auf allen Ebenen daran neu ausrichten.

Der Freistaat richtet aktuell ein Zentrum Digitalisierung.Bayern ein, in dem die Kompetenzen von Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Unternehmen und Gründern gebündelt werden. Dieses Zentrum besteht aus einer Steuerungseinheit in Garching, der Schaffung von 20 Professuren und Forscherteams, die über ganz Bayern verteilt sind, sowie der Bildung von bis auf Weiteres fünf Plattformen, auf denen zu den wichtigsten Feldern der Digitalisierung geforscht werden soll und Netzwerke gebildet werden:

– Plattform Industrie 4.0

– Plattform Vernetzte Mobilität

– Plattform Digitale Gesundheitswirtschaft 

– Plattform Energie

– Plattform IT-Sicherheit

Es ist sind zusätzliche Plattformen zu den Themen Digitale Arbeitswelt, Digitales Planen und Bauen sowie ggf. auch E-Government bzw. Verwaltung 4.0 erforderlich; bei Bedarf sind weitere Ergänzungen vorzunehmen. Um der wachsenden Bedeutung von Daten (Sicherheit, Sicherung, Verarbeitung und Verwertung) Rechnung zu tragen, müssen wir auf deutscher und europäischer Ebene Standards setzen und eigene Lösungen entwickeln. Das ist in sämtlichen Plattformen zu berücksichtigen.

Die Arbeit der Plattformen muss so organisiert werden, dass insbesondere der Mittelstand profitiert, Informationen über Chancen und Risiken der Digitalisierung erhält und diese in Produktion und Unternehmensalltag nutzen kann. Gleichzeitig muss die Arbeit des Zentrums und der Plattformen so gesteuert werden, dass sie zur Erhöhung der gesellschaftlichen Akzeptanz von Chancen und Potenzialen der Digitalisierung beiträgt.

Die Digitalisierung muss in der öffentlichen Verwaltung konsequent umgesetzt werden. Allen Bürgern und Unternehmen in Bayern muss unabhängig von ihrem Wohn- und Standort ein digitales Serviceangebot der Verwaltungen zur Verfügung stehen, mit dem sie einfach, schnell, sicher und rund um die Uhr ihre „Behördengänge“ online erledigen können. Es muss ein zentraler Zugang zu Verwaltungsleistungen geschaffen werden, unabhängig davon, ob es sich um eine staatliche oder kommunale Behörde handelt. Anzupassen ist auch der Rechtsrahmen für die digitale Kommunikation mit der Verwaltung; die Sicherheitsmaßnahmen (Datensicherheit, IT-Security) müssen laufend höchsten Anforderungen entsprechen. Die öffentliche Verwaltung darf mit den von ihr erhobenen (nicht personenbezogenen) Daten keine Wissensmonopole schaffen, sondern muss sie zur Nutzung freigeben (Open Data).

Wirtschaftsorganisationen müssen die Unternehmen beim digitalen Enabling unterstützen. Das beginnt beim Aufbau von Plattformen, geht über das Aufzeigen von Best-Practice-Beispielen, die Messung des Digitalisierungsgrades, eine Analyse von Potenzialen und Geschäftsmodellen bis hin zur Aus- und Weiterbildung von Mitarbeitern. Entsprechende Angebote werden derzeit durch die Metall- und Elektroarbeitgeber bayme vbm vorbereitet.

Solche Services für die Unternehmen – gerade kleinere und mittelständische Betriebe – sind in allen Wirtschaftsbereichen erforderlich. Hier sind einerseits andere Branchenverbände gefordert, vergleichbare Angebote zu schaffen, andererseits muss der Staat ergänzend dabei unterstützen, die Beispiele in die Fläche zu tragen.

Start-ups sind besonders geeignet, um kurze Innovationszyklen und teilweise disruptive Veränderungen durch digitale Technologien aufzugreifen. Damit können sie zugleich Schwächen (z.B. Reaktionszeiten, interne Verwaltungsabläufe) großer Unternehmen ausgleichen. Die staatliche Innovationspolitik muss daher in besonderem Maße Start-ups im IKT-Bereich erfassen.

IT-Sicherheit ist ein Zukunftsmarkt – und notwendige Voraussetzung für eine erfolgreiche digital-basierte Wertschöpfung –, auf dem wir mit unserem Know-how bei Technik einerseits und bei der Setzung rechtlicher Rahmenbedingungen und Zertifizierungsstandards andererseits von einer Spitzenposition aus starten. Flankiert werden muss dies durch branchenspezifische Weiterbildungen und Zertifizierungsangebote, um das Know-how in die Fläche zu tragen, beispielsweise mit Workshops zu Cyber-Security für Management und IT-Experten.

Ein weiteres Beispiel für eine eigene bayerische Entwicklung im Bereich Digitalisierung ist die Nutzung der 3D-Modellierung und -Visualisierung für den virtuellen „barrierefreien“ Besuch bayerischer Landschaften, Städte und Baudenkmäler über das schnelle Internet. Sie stärkt den Tourismus, spricht die breite Bevölkerung an und zeigt das technisch Machbare (u.a. Bewältigung von Big Data), hat aber auch für viele andere Bereiche Bedeutung, etwa den Denkmalschutz, städtebaulichen Maßnahmen, Outdoor-Navigation, die Bergrettung und den Polizeieinsatz. Zahlreiche weitere Einsatzmöglichkeiten für 3D-Anwendungen bestehen beispielsweise auch im Produktionsbereich.